Literarisch den Regler auf elf gedreht

Euer Leid ist unser Vergnügen: Der großartige Roman „Ein Wenig Leben“ von Hanya Yanagihara.

Für ein Buch mit dem Titel Ein wenig Leben ist der zweite Roman der amerikanischen Autorin Hanya Yanagihara erstaunlich dick. Beinahe 1 000 Seiten sind es in der deutschen Übersetzung geworden – das sind rund viermal mehr, als handelsübliche Ausgaben von Der große Gatsby haben, die bekanntlich weniger groß sind als schlank.

In ihrem Roman erzählt Yanagihara von vier jungen Männern, die nach New York ziehen, um ihre Träume zu verwirklichen, einem Künstler, einem Schauspieler, einem Architekten und einem Anwalt. Alle machen Karriere, nicht alle macht die Karriere glücklich. Der Anwalt pflegt etwa eine Neigung zur Selbstverstümmelung, später entwickelt er Gefallen an Crystal Meth. Aber das ist erst der Anfang. Munter schichtet Yanagihara ein Unglück auf das andere, so dass das Leiden im Laufe des Buchs geradezu opernhafte Dimensionen annimmt. Immer wenn man denkt, dass man das Schlimmste überstanden hat, geht noch ein bisschen mehr.

Oder wie der Spinal-Tap-Gitarrist Nigel Tufnel sagen würde: Yanagihara dreht die Lautstärke konsequent auf elf, während sie physischen und emotionalen Missbrauch, Vergewaltigungen, Ängste, Krankheiten, Amputationen, auch Liebe, Freundschaft, Reisen und schöne Möbel zum Klingen bringt. Wenn das Buch nicht im Winter erscheinen würde, könnte man sagen: eine hervorragende Strandlektüre.

Ein wenig Leben von Hanya Yanagihara erscheint am 30. Januar 2017 bei Hanser Berlin.

Von: Harald Peters

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