Wo habe ich zum ersten Mal in einem Stück Buch eine Ameise gelesen?

Autor, Essayist, Illustrator und Musiker Frank Witzel über sein Leben mit Büchern.

Die Erfindung der RAF durch einen manisch depressiven Teenager im Sommer 1969 ist der wunderbar inhaltsangeberische Titel von Frank Witzels Debütrom (Matthes&Seitz), der auch das aktuelle JUDGED BY THE COVER in unserer INTERVIEW Märzausgabe ist. Der Autor, Essayist, Illustrator und Musiker Witzel wurde 1955 in Wiesbaden geboren und lebt heute in Offenbach gewissermaßen im Heartland der alten, untergegangenen BRD. In seinem tollen Roman aus der Sicht eines kindlichen Erzählers ist Gudrun Ensslin eine Indianersquaw aus braunem Plastik und Andreas Baader ein Ritter in schwarzglänzender Rüstung. Mit den Mitteln der unzuverlässigen Fantasie gelingt Witzel so die literarische Rückeroberung einer Zeit, die in der historischen Erinnerung bis heute sonst nur schwer auszuhalten ist. Lesen Sie hier exklusiv, warum Frank Witzel Leute wie Handke zum Frühstück isst, wieso richtiges Lesen im falschen Leben wichtiger denn je ist und warum Tote so großartige Sachen können!

 

INTERVIEW: Ist Ihr Leben eher ein Roman oder ein Sachbuch?

FRANK WITZEL: Am ehesten Kierkegaards Werke: Furcht und Zittern, Die Krankheit zum Tode, Die Krise, Die Wiederholung und natürlich: Über den Begriff der Ironie.

 

INTERVIEW: Welche Bücher befinden sich gerade auf Ihrem Nachttisch?

WITZEL: Die obersten drei sind momentan: Karl Löwith: Der japanische Geist, Robert Bartlett: Why Can the Dead do Such Great Things und Benjamin Noys: Malign Velocities.

 

INTERVIEW: Wie riechen Bücher?

WITZEL: Irgendwie eigenartig.

 

INTERVIEW: Welches Buch hat Sie zuletzt mit auf eine Reise genommen? Und wohin bloß?

WITZEL: Atiq Rahimi: Verflucht sei Dostojewski. Augenscheinlich ging es nach Kabul, tatsächlich jedoch mitten hinein in die Literatur – Kafka, Dostojewski –, auf die sich Literatur ohnehin meistens bezieht.

 

INTERVIEW: Welches Buch haben Sie zuletzt tatsächlich zu Ende gelesen?

WITZEL: Scholastique Mukasongas Inyenzi.

 

INTERVIEW: Welches Buch ist schon mal gegen die Wand geflogen?

WITZEL: Ich pflege meine Wände zu schonen, aber Roger Scrutons The Uses of Pessimism wäre ein Kandidat aus jüngster Zeit. Dass Scruton konservativ und homophob ist, lange Jahre auf der Lohnliste der Tabakindustrie stand und von den Pet Shop Boys zu recht verklagt wurde, ist eine Sache, dass jedoch die Oxford University Press die schalen Gedanken eines Mannes druckt, dessen Philosophieren, so er es überhaupt je betrieben hat, längst in geiferndes Polemisieren übergegangen ist, hat mich für einen Moment auf das Buch sauer sein lassen, bevor ich bemerkt habe, dass ich im Grunde nur auf meine eigene Naivität sauer war.

 

INTERVIEW: Ja oder Nein: Lachen Sie beim Lesen?

WITZEL: Ich kann die Frage leider nicht mit Ja oder Nein beantworten, weil es bei mir komischerweise so ist, dass ich manchmal beim Lesen lache und dann wiederum über weite Strecken gar nicht.

 

INTERVIEW: Wo lesen Sie am liebsten?

WITZEL: Dort, wo ich gerade bin.

 

INTERVIEW: Essen oder Trinken zur Lektüre?

WITZEL: Und wo habe ich zum ersten Mal in einem Stück Brot eine Ameise mitgegessen?

 

INTERVIEW: Wissen Sie noch eine gute Sexstelle aus einem Roman?

WITZEL: Mir fallen spontan nur die verschiedenen Masturbationsszenen aus Philip Roths Portnoys Beschwerden ein, das ich übrigens auch mit 17 gelesen habe, vielleicht mit 18. Da gibt es die Szene mit dem Büstenhalter der Schwester, den er zwischen dem Türgriff der Toilette und der Waschmaschine drapiert, wenn ich mich recht erinnere, dann das Stück rohe Leber und so weiter. Im Gegensatz zum Sex zwischen Partnern, den allein Elfriede Jelinek adäquat schildern kann, hat die Masturbation schon in sich eine literarische Qualität, weil sie auch mit Beschreibung und Fantasie arbeitet.

 

INTERVIEW: Gibt es einen Klassiker, der Sie völlig kalt gelassen hat?

WITZEL: Komischerweise fällt mir keiner ein. Aber es gibt so viele Klassiker, die ich nicht gelesen habe. Unter denen findet sich garantiert der ein oder andere.

 

INTERVIEW: Lieblingsname aus einem Roman?

WITZEL: Leni Pökler.

 

INTERVIEW: Ein Lieblingsbuch mit 17 und wann zum letzten Mal gelesen?

WITZEL: Peter Handkes Die Innenwelt der Außenwelt der Innenwelt. Gerade eben, weil ich das Zitat zur Essen-oder-Trinken-Frage herausgesucht habe.

 

INTERVIEW: Wie autobiographisch muss ein Roman sein, damit Sie ihn noch aushalten?

WITZEL: Meine Antwort liegt gerade aktuell im Buchhandel vor.

 

INTERVIEW: Gibt es ein gutes Lesen im schlechten Leben?

WITZEL: Natürlich nicht. Aber es gibt ein richtiges Lesen im falschen Leben und dieses Lesen ist ganz existentiell und wichtiger denn je, quasi als Asyl für Obdachlose.

 

 

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  • ANDREAS MERKEL