"Ich bin Knausgard-Junkie!"

Lucy Fricke über ihr Leben mit Büchern.

Kurz nach dem 11. März 2011 hat Lucy Fricke eine Zeit lang in Japan gelebt und jetzt ihren Roman „Takeshis Haut“ (Rowohlt) über diese Erfahrung veröffentlicht. Es geht um die Toningenieurin Frida, die zu den Besten ihres Faches zählt und auf der Tonspur Horror und Kriege simulieren kann oder die zwanzig Arten, wie man Zigarettenrauch ausatmet – für ein Filmprojekt muß Frida dann ebenfalls in ein Post-Fukushima-Japan, wo neben sprechenden Automaten, Sony-Rekordern und einem Love-Interest noch ganz andere Prüfungen auf sie warten. Lucy Fricke, 1974 in Hamburg geboren und in Berlin lebend, hat mit ihrem dritten Buch einen spannenden Gegenwartsroman geschrieben und gibt hier Auskunft über ihr eigenes Lesen zwischen Knausgård und Richard Ford. Waschen Sie sich vor dem Lesen bitte die Hände!

 

INTERVIEW: Ist Ihr Leben eher ein Roman oder ein Sachbuch?

LUCY FRICKE: Roman. Für ein Sachbuch ist das alles zu schlampig recherchiert.

 

INTERVIEW: Welche Bücher befinden sich gerade auf Ihrem Nachttisch?

FRICKE: Karen Köhlers „Wir haben Raketen geangelt“, Karl Ove Knausgårds „Spielen“, Carolin Emckes „Von den Kriegen“, William Faulkners „Licht im August“ und ein Band mit soziologischen Aufsätzen mit dem schlichten Titel: „Gewalt“.

 

INTERVIEW: Wie riechen Bücher?

FRICKE: Bei mir meistens nach Rauch.

 

INTERVIEW: Welches Buch hat Sie zuletzt mit auf eine Reise genommen? Und wohin bloß?

FRICKE: Auf Reisen habe ich nur den E-Book-Reader dabei, und darauf waren zuletzt nur Bücher zum Thema Fukushima. Zum Beispiel von William T.Vollmann und Johannes Hano. Gelesen in Japan. Obwohl, stimmt nicht ganz, ich habe auch tatsächlich die vierbändige Ausgabe der Graphic Novel „Barfuss durch Hiroshima“ von Keiji Nakazawa mitgeschleppt. Unglaublich heftiges Buch, in Japan Schullektüre.

 

INTERVIEW:Welches Buch haben Sie zuletzt tatsächlich zu Ende gelesen?

FRICKE: Nicht sehr originell, aber ich gehöre zu den Knausgård-Junkies und lese alle Bände zu Ende. Ich versuche immer noch herauszufinden, warum man nach diesen Büchern süchtig wird.

 

INTERVIEW: Welches Buch ist schon mal gegen die Wand geflogen?

FRICKE: Leider hat mich noch kein Buch so wütend gemacht. Mir fallen Bücher eher erschöpft aus der Hand oder in den Karton fürs Antiquariat.

 

INTERVIEW: Ja oder Nein: Lachen Sie beim Lesen?

FRICKE: Sehr oft, sehr leise.

 

INTERVIEW:Wo lesen Sie am liebsten?

FRICKE: Auf meinem Sofa.

 

INTERVIEW: Essen oder Trinken zur Lektüre?

FRICKE: Trinken, egal was. Essen fast nie. Das hat mit der Abneigung gegen Fettflecken in Büchern zu tun. Ich wasche mir ja sogar die Hände vorm Lesen.

 

INTERVIEW: Wissen Sie noch eine gute Sexstelle aus einem Roman?

FRICKE: Die Erzählung „Unschuld“ von Harold Brodkey ist unübertroffen. Auf über 30 Seiten verrucht der Protagonist, seine Freundin zu ihrem allerersten Orgasmus zu bringen. Das ist in jeder Hinsicht meisterhaft, auch wenn ich mir sicher bin, dass Frauen deutlich mehr Spaß daran haben.
INTERVIEW: Gibt es einen Klassiker, der Sie völlig kalt gelassen hat?

FRICKE: Ich fürchte, es passiert mir gerade bei „Licht im August“ von Faulkner.

 

INTERVIEW: Lieblingsname aus einem Roman?

FRICKE: Frank Bascombe aus der Trilogie von Richard Ford. Aber das liegt nicht am Namen, sondern an der Präsenz der Figur. Normalerweise vergesse ich Namen sehr schnell, das gilt leider nicht für Romane. Frank Bascombe allerdings hat sich tief bei mir eingefressen.

 

INTERVIEW:Ein Lieblingsbuch mit 17 und wann zum letzten Mal gelesen?

FRICKE: „Weiße Nigger“ von Ingvar Ambjörnsen. Ich erinnere mich immer noch an den Satz: Der Magen ist das Organ, was am wenigsten mit der Wirklichkeit klar kommt. Nach dem Lesen habe ich es sofort verliehen, und seitdem nie wieder gesehen.

 

INTERVIEW: Welcher Autor soll Ihre Biographie schreiben?

FRICKE: Einer, der das Geld braucht.

 

INTERVIEW: Gibt es ein gutes Lesen im schlechten Leben?

FRICKE: Unbedingt. Das ist ja oft das einzige, was überhaupt noch geht. Das einzige, was hilft.

 

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 Von: Andreas Merkel

 

22.09.2014 | Kategorien Literatur, Meine Bücher