"Mich enttäuschen Enden"

Tex Rubinowitz über sein Leben mit Büchern nach dem Bachmannpreis.

Tex Rubinowitz wurde nicht nur 1961 unter ganz anderem Namen in Hannover geboren, sondern gewann auch letztes Jahr den jetzt gerade wieder ausgetragenen und auf 3sat live übertragenen Bachmannpreis-Vorlese-Wettbewerb. Außerdem lebt Rubinowitz seit 1984 in Wien und arbeitet dort als Witzezeichner, Maler und Schriftsteller und Musiker (mit seiner Band Mäuse – siehe auch hier). Gelegentlich taucht er auch als Popmusik-Gastkritiker auf Spiegel-Online auf, wo er zuletzt ebenso herzhaft wie lesenswert das neue Album des Rammstein-Sängers Till Lindemann verreißen durfte (Zitat: man schämt sich, Ohren zu haben). Vor allem aber ist gerade sein Roman Irma (Rowohlt) erschienen, der mit einer Freundschaftsanfrage auf Facebook beginnt, eine traurige Liebesgeschichte im Sternzeichen der Achtziger erzählt und wie gesagt mit dem Gewinn des Bachmannpreises im letzten Jahr (für einen Auszug) gut ausgeht. Lesen Sie hier alle Antworten vom noch amtierenden Bachmann-Champion auf alle Fragen des Lesens und Lebens, beziehungsweise was beides miteinander zu tun haben könnte oder warum unsere Sorgen nicht mehr sind als der Schmerz, den eine Wand empfindet, wenn man ein Buch gegen sie schmeisst.

 

INTERVIEW: Ist Ihr Leben eher ein Roman oder ein Sachbuch?

TEX RUBINOWITZ: Eine falsch übersetzte Gebrauchsanweisung für irgendein Küchengerät, das man sowieso niemals benutzen wird.

INTERVIEW: Welche Bücher befinden sich gerade auf Ihrem Nachttisch?

RUBINOWITZ: Mumins, Die gesammelten Comic Strips von Tove Jansson, Über Pop-Musik, Diedrich Diederichsen.

INTERVIEW: Wie riechen Bücher?

RUBINOWITZ: Nach Kettenfett, Technikersalbe und Angst.

INTERVIEW: Welches Buch hat Sie zuletzt mit auf eine Reise genommen? Und wohin bloß?

RUBINOWITZ: Die besten Reisen, auf die mich Bücher nehmen, sind Sachbücher, Bücher über Schlupfwespen, Ameisen, Pilzbestimmungsbücher, in Welten, die uns scheinbar vertraut sind, aber dann in Sphären abtauchen, die so exotisch und uns fremd sind, dass man sie nie erfinden kann, aber auch Nicholas Bakers Rolltreppe – Die Herkunft der Dinge ist so ein Buch, eine Reise auf einer Rolltreppe zu den Dingen, die wir verstehen müssten, aber vielleicht zu dumm und faul sind, um sie zu begreifen, wie alles zusammenhängt und funktioniert. Allerdings schlechter als alles das, was Ameisen machen.

INTERVIEW: Welches Buch haben Sie zuletzt tatsächlich zu Ende gelesen?

RUBINOWITZ: Ich kann mich nicht erinnern, ich lese nie ein Buch zu Ende, mich langweilen und enttäuschen Enden, ich finde die könnte man ruhig mal abschaffen, Pointen, Auflösungen, Schlüsse sind für Bettnässer, die kein Mensch braucht.

INTERVIEW: Welches Buch ist schon mal gegen die Wand geflogen?

RUBINOWITZ: Keines, warum sollte ich? Ist ja auch ein Lebewesen, ist ja beseelt, ich musste mal ein Klavier wegschmeißen, beim Abtransport durch acht Polen machte es wimmernde Geräusche, seit dem bin ich Anhänger der Kirche der Animisten, und wir schmeissen keine Bücher an Wände, könnte ja den Wänden wehtun.

INTERVIEW: Ja oder Nein: Lachen Sie beim Lesen?

RUBINOWITZ: Weder noch, Lachen ist ein hässliches Geräusch und Tränen machen Flecken.

INTERVIEW: Wo lesen Sie am liebsten?

RUBINOWITZ: Am Wasser, an irgendeinem eiskalten See, immer abwechselnd Schwimmen und Lesen, das ist toll, man ist noch ganz in der zähen Bewegung des Schwimmens, des Schaufelns und Arbeitens durch das Wasser, es fliesst in einem, das ist wie ein kleiner Jetlag, oder wenn man nachdem man auf einem langen Förderband an einem Flughafen gegangen ist und dann wieder auf festem Boden geht, kommen einem seine eigenen Schritte plötzlich so schwer vor, dann möglichst hart und unbequem liegen, zittern, die Sonne trocknet einen, die Moleküle bringen sich langsam wieder in die Normalposition, bis man‘s nicht mehr aushält, dann wieder ins Wasser, so schläft man beim Lesen wenigstens nicht ein.

INTERVIEW: Essen oder Trinken zur Lektüre?

RUBINOWITZ: Weder noch, Lesen ist doch sowas wie Essen und Trinken, ersetzt beides doch aufs Vortrefflichste

INTERVIEW: Wissen Sie noch eine gute Sexstelle aus einem Roman?

RUBINOWITZ: Vergesse ich meist, so wie ich generell Buchinhalte sehr schnell vergesse, ich lese ja für den Moment und nicht für Partywissen und Bonmots, naja, doch eine, wie Alexander Portnoy in Portnoys Beschwerden von Philip Roth in die Leber fürs Abendessen und an die Badezimmerglühbirne masturbiert, ich esse für mein Leben gerne Leber, vorzugsweise rohe, und habe die Glühbirnennummer immer wieder selbst ausprobiert, leider ohne den Erfolg von Portnoy.

INTERVIEW: Gibt es einen Klassiker, der Sie völlig kalt gelassen hat?

RUBINOWITZ: Interessanterweise Der Mann mit der Ledertasche von Charles Bukowski, der einer meiner Lieblingsautoren war und immer noch ist, die Ledertasche war sein erstes längeres Ding, nach vielen Kurzgeschichten und Gedichten, und ich finde, sie ist misslungen, Versatzstücke tauchten vorher bereits auf, und danach, aber in besserer Form, wie in Faktotum und, wie ich finde in seinem besten Buch Das Schlimmste kommt noch.

INTERVIEW: Lieblingsname aus einem Roman?

RUBINOWITZ: Johann Holtrop aus Johann Holtrop von Rainald Goetz, diese Mischung aus Normalität und Hamsuneskem, und natürlich Johan Nielsen Nagel, die Hauptfigur in Mysterien von Knut Hamsun, offensichtlich hab ich es mit den Johanns, vielleicht sollte ich auch mal ein Buch mit einer Figur gleichen Namens schreiben.

INTERVIEW: Ein Lieblingsbuch mit 17 und wann zum letzten Mal gelesen?

RUBINOWITZ: Wahrscheinlich irgendwas von Charles Bukowski oder Knut Hamsun, kann mich nicht mehr erinnern, aber weil ich sowieso ein Spätstarter bin, in allem, kann es auch Wicki und die starken Männer gewesen sein von Runer Jonsson.

INTERVIEW: Wie autobiographisch muss ein Roman sein, damit Sie ihn noch aushalten?

RUBINOWITZ: Das kann ja niemand beweisen, wo das Biografische anfängt und aufhört, und in Fiktion hinein- und hinausdiffundiert, man kann vom Schlimmsten ausgehen, aber hat ja immer auch die Option, ha, der Typ drückt doch nur ein bisschen auf die Tube, um auch ein Stückchen vom Aufmerksamkeitskuchen zu bekommen. Und soll er doch, und wenn man das weiss, sollte einen nichts erschüttern.

INTERVIEW: Gibt es ein gutes Lesen im schlechten Leben?

RUBINOWITZ: Nein, natürlich nicht, wenn‘s dir beschissen geht, hilft auch kein trostspendender Text, wenn ja selbst tröstende Worte in der Kohlenstoffwelt nur Schall ohne Echo ist. Alkohol hilft da meist viel besser, und wenn man dann zuviel erwischt hat, und sich am nächsten Tag NOCH beschissener fühlt, hilft es, Das verlorene Wochenende von Charles Jackson zu lesen, über einen brutalen Kampf am Abgrund, und zu erkennen, deine Sorgen sind dagegen nichts, sie sind doch nichts anderes als der Schmerz, den eine Wand empfindet, wenn man ein Buch gegen sie schleudert.

Mehr Informationen gibt es hier.

 

Von: Andreas Merkel