"Julian Barnes endete an der Wand"

Helen Walsh über ihr Leben mit Büchern.

© Jenny Lewis

Romanautorin Helen Walsh, geboren 1979 in Liverpool, beweist gerade mit Ein Mallorquinischer Sommer (Kiepenheuer & Witsch), dass sie nach ihrem skandalösen Bestseller-Debüt Millie nicht nur Drogen, Party und Jung kann, sondern auch Alkohol, Swimmingpool und Erwachsen. Auf diese charmant britisch angeprollte Art lässt sich eine Stiefmutter in diesem Roman während der Ferien gehen und fängt eine heisse Insel-Affäre mit dem 17jährigen Boyfriend der Tochter ihres Mannes an. In diesem leichten, keinesfalls seichten Sommer-Porno (der auch unser Buchtipp in der aktuellen INTERVIEW Juli/August ist) überzeugt Walsh nicht nur mit der Wahl der Location, sondern auch ihrer weiblichen Perspektive in Umkehrung des ewigen Lolita-Motivs. Lesen Sie hier und jetzt, was bei Helen Walsh literarisch sonst noch so abgeht, beziehungsweise an die Wand fliegt!

 

INTERVIEW: Ist Ihr Leben eher ein Roman oder ein Sachbuch?

HELEN WALSH: Bis ich anfing, Romane zu schreiben, war mein Leben ein düsterer und aussergewöhnlicher Bildungsroman. Ich nahm meine erste Pille Ecstasy vor meiner ersten Periode, hatte meine erste Sex-Beziehung mit 13 und bin 3 Jahre später, also mit 16, zu Hause ausgezogen. Ich lebte ein moralisch komplett korruptes Leben, wie aus den Büchern von Selby und Burrows, die meine Regale belagerten. Es dauerte wirklich bis zu der Zeit, als ich meinen ersten Roman schrieb, Millie, dass ich dazu in der Lage war, meine Dämonen auf Papier zu bannen.

INTERVIEW: Welche Bücher befinden sich gerade auf Ihrem Nachttisch?

WALSH: Ein paar Sachbücher: Land of Second Chances von Tim Lewis, das die unglaubliche, aber wahre Geschichte des Ruandischen Rad-Teams nach dem Genozid erzählt. Und dort liegen auch The Letters of Vincent van Gogh, in der Übersetzung von Arnold Pomerans, die praktisch mein alkoholfreier Schlummertrunk sind.

INTERVIEW: Wie riechen Bücher?

WALSH: Elegisch.

INTERVIEW: Welches Buch hat Sie zuletzt mit auf eine Reise genommen – und wohin bloss?

WALSH: David Vanns aussergewöhnlichen Roman Legend of a Suicide. Er führte mich an einen dunklen, erschütternden Platz. Ich las es das erste Mal, nachdem mein Sohn gerade zur Welt gekommen war und ich unter einer Wochenbett-Depression litt. Es erinnerte mich zur rechten Zeit daran, was für ein Schaden und eine Bürde der Selbstmord eines Elternteils für ein Kind bedeuten kann. Als ich es kürzlich wieder las, fand ich es immer noch tief bewegend, aber dieses Mal war es die mit allem brechende Form dieses Romans, die mich umgehauen hat.

INTERVIEW: Welches Buch haben Sie zuletzt tatsächlich zu Ende gelesen?

WALSH: Das letzte Buch, das ich wirklich bis zum Ende gelesen habe, und zwar an einem einzigen Tag, war Jenny Erpenbecks Heimsuchung (Visitation). Unglaubliches Buch. Beschämenderweise hatte ich noch nie von Jenny Erpenbeck gehört, bis Portobello anfing, ihre Bücher in Grossbritannien zu verlegen.

INTERVIEW: Welches Buch ist schon mal gegen die Wand geflogen?

WALSH: Julian Barnes’ Sense of An Ending. Seine Art zu schreiben ist ganz exquisit, aber selten hat mich ein Romanende so irritiert und verrückt gemacht.

INTERVIEW: Ja oder Nein: Lachen Sie beim Lesen?

WALSH: Nein.

INTERVIEW: Wo lesen Sie am liebsten?

WALSH: Am Strand von Mondrego auf Mallorca, wenn die Sonne gerade aufgeht und Salzwasser aus meinem Haar auf die Buchseite tropft, eine Camel Light im Anschlag. Aber wenn das gerade nicht drin ist, reicht auch der nächste Park. Ich lese nur nicht gern zuhause. Dann wird es Arbeit.

INTERVIEW: Essen oder Trinken zur Lektüre?

WALSH: In Riesenschlücken den Filandia Khavi Kaffee, den mir mein finnischer Übersetzer jeden Monat aus Finnland schickt.

INTERVIEW: Wissen Sie noch eine gute Sexstelle aus einem Roman?

WALSH: Ich erinner mich daran, als 13jährige von den Sex-Szenen von Jackie Collins unglaublich erregt gewesen zu sein, immer was mit Inzest oder sonstwie Abartiges. Kürzlich hatte ich Autorinnen-Neid auf die Sexstellen in Deborah Kay Davies‘ Bedingungslos (True Things About Me). Das Buch erzählt die Story der obsessiv-destruktiven Affäre einer jungen Frau. Gleichzeitig brillant und verstörend.

INTERVIEW: Irgendwelche Klassiker, die Sie komplett kalt gelassen haben?

WALSH: Ich ging auf eine Mädchenschule, wo man die ganze Zeit gedrängt wurde, Jan Austen zu lesen. Ich war neidisch auf meinen Bruder, der auf eine Jungenschule ging und William Goldings Herr der Fliegen lesen durfte und die Romane von Emile Zola und Hemingway. Vielleicht bestand mein Teenager-Buchregal deswegen hauptsächlich aus Männer-Büchern. Erst in meinen frühen Zwanzigern führte mich eine befreundete Akademikerin in die Werke von Kate Chopin, Virginia Woolf, Charlotte Perkins Gilmore und Mary Shelleys Frankenstein ein.

INTERVIEW: Lieblingsname aus einem Roman?

WALSH: Humbert Humbert.

INTERVIEW: Ein Lieblingsbuch mit 17 und wann zum letzten Mal gelesen?

WALSH: Es ist schwer für mich, jetzt nur ein einziges zu nennen, weil mich in dem Alter so viele beeinflusst haben. Aber ich denke Selbys Last Exit Brooklyn war der Roman, der mich damals wirklich angesprochen hat. Ich war begeistert von Selbys Sprache, wie er Linguistik und Grammatik ausreizte und unterlief, um seinen Charakteren eine Stimme zu geben.

INTERVIEW: Wie autobiographisch muss ein Roman sein, damit Sie ihn gerade noch aushalten?

WALSH: Ich wehre mich gegen die Regel, nur über das schreiben zu dürfen, was man kennt oder das wir nur Welten wiedergeben dürfen, die wir direkt erlebt haben. Großartige Literatur basiert trotzdem meistens auf einer Wahrheit – oder meinetwegen auch mehreren –, aber der ganze Punkt, wenn es um Fiktion geht, ist doch, diese Wahrheiten zurück-erinnernd und wieder-erzählend zu rekonstruieren.

INTERVIEW: Gibt es ein gutes Lesen im schlechten Leben?

WALSH: Ab und zu fühlt es sich so an, als hätte sich unsere Sehnsucht nach Büchern völlig in oberflächliches Lesen verwandelt, wie wir es zum Beispiel im Netz tun. Aber wir sollten nicht vergessen, dass das Bedürfnis nach einem Narrativ ein sehr menschliches ist. Ausserdem ist in diesen säkularen Zeiten der Roman, mehr als jede andere Kunstform, immer noch die Bühne, auf der wir unseren Sinn für Moral pflegen, herausfordern und überdenken können.

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Von: Andreas Merkel