"Bücher riechen nach liebevoll getrocknetem Rotwein!"

Sandra Gugiċ, 1976 in Wien geboren, lebt als freie Autorin in Berlin und Wien. 2009 nahm die Autorin und Grafikerin am Klagenfurter Literaturkurs teil, 2012 gewann sie den Open Mike. Jetzt ist ihr erster Roman „Astronauten“ bei C.H. Beck erschienen, in dem sich junge Leute wie Astronauten auf Allgang, nur gefährlich lose mit dem Mothership verbunden, durch ihre Stadt und einen geschichten- und beziehungsreichen Sommer bewegen. Lesen Sie jetzt hier exklusiv, warum Humbert Humbert immer ein guter Name ist, man aber aus Prinzip noch nicht mal Esoterik-Bücher an die Wand schmeißen und das Leben lieber ein Film von Xavier Dolan sein sollte!

 

INTERVIEW: Ist Ihr Leben eher ein Roman oder ein Sachbuch?

SANDRA GUGIĊ: Als Teenager war ich versessen auf die Gedichte von Jim Morrison, diese Frage erinnert mich an folgendes Zitat: „The movie will begin in five minutes, … As we seated and were darkened, the voice continued: The program for this evening is not new, you’ve seen this entertainment through and through, you’ve seen your birth, your life, your death. You may recall all the rest. Did you have a good world when you died? Enough to base a movie on?” – Wenn ich die Wahl habe, ist es ein Buch wie „Appointment with Sigmund Freud“ von Sophie Calle: eine Sammlung von Fotografien und Kurzprosa. And if it’s enough to base a movie on: dann ein Film von Xavier Dolan.

INTERVIEW: Welche Bücher befinden sich gerade auf Ihrem Nachttisch?

GUGIĊ: Immer: „Appointment with Sigmund Freud“ von Sophie Calle. Und im Moment: ein ganzer windschiefer Stapel, darunter „Abfall für alle“ von Rainald Goetz, „Orlando“ von Virginia Woolf und „Unterwerfung“ von Michel Houellebecq.

INTERVIEW: Wie riechen Bücher?

SANDRA GUGIĊ: Ich bin Grafikerin, ich liebe den Geruch von Papier und Druckerfarbe. Einige meiner Bücher riechen nach Flohmarkt, da ich gern auf dem Trödel oder im Antiquariat nach schönen alten Ausgaben suche. Einmal hat mir ein guter Freund zum Geburtstag ein Paket geschickt: einen Roman und eine Flasche Rotwein. Die Flasche ist irgendwo auf dem Postweg zerbrochen und ich habe das weingetränkte Buch liebevoll getrocknet. Es ist unlesbar geworden, aber rieche immer noch gern daran.

INTERVIEW: Welches Buch hat Sie zuletzt mit auf eine Reise genommen? Und wohin bloß?

GUGIĊ: Nora Wickes „Vierstromland“ hat mich auf eine lange Reise mitgenommen, Belgrad-Paris-Berlin und weiter; Patrick Maisanos „Mezzogiorno“ hat mich nach Kalabrien entführt. Und William S. Burroughs „Interzone“ ist eindeutig immer eine Reise wert.

Sandra Gugiċ: “Lesen verändert die Realität, das kann den Alltag für ein paar Augenblicke erträglicher machen”
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INTERVIEW: Welches Buch haben Sie zuletzt tatsächlich zu Ende gelesen?

GUGIĊ: Ich lese alle Bücher zu Ende. Irgendwann. Bestimmt.

INTERVIEW: Welches Buch ist schon mal gegen die Wand geflogen?

GUGIĊ: Bücher werfe ich aus Prinzip nicht gegen die Wand, aus Respekt vor der Autorin oder dem Autor. Ich werfe nicht mal mit Esoterik.

INTERVIEW: Ja oder Nein: Lachen Sie beim Lesen?

GUGIĊ: Ja. Ausrufezeichen.

INTERVIEW: Wo lesen Sie am liebsten?

GUGIĊ: Auf Reisen, unterwegs im Zug, im Flugzeug, in Transiträumen, auf Parkbänken oder zuhause im Café, um mich der Geräuschteppich fremder Gesprächsfetzen.

INTERVIEW: Essen oder Trinken zur Lektüre?

GUGIĊ: Kaffee. Tee. Wasser.

INTERVIEW: Wissen Sie noch eine gute Sexstelle aus einem Roman?

GUGIĊ: Almudena Grandes „Lulú“ hat einige sehr gute Stellen wenn ich mich recht erinnere, ich mochte den ungeschönten Blick, die Rohheit und die Offenheit mit der die Autorin über weibliche Sexualität schreibt.

INTERVIEW: Gibt es einen Klassiker, der Sie völlig kalt gelassen hat?

GUGIĊ: Keinen.

INTERVIEW: Lieblingsname aus einem Roman?

GUGIĊ: Humbert Humbert.

INTERVIEW: Ein Lieblingsbuch mit 17 und wann zum letzten Mal gelesen?

GUGIĊ: „Frühling für Anfänger“ und auch „Kinder unserer Zeit“ von Christiane Rochefort haben mich sehr beeindruckt. Ich habe die Bücher eben wieder herausgekramt und finde sie immer noch großartig. Die klare Sprache, die Härte und Zartheit dieser klugen Romane. Wird Christiane Rochefort noch gelesen? Ihre Bücher sollten gelesen werden.

INTERVIEW: Wie autobiographisch muss ein Roman sein, damit Sie ihn noch aushalten?

GUGIĊ: Die Qualität und Dringlichkeit eines Textes ist wichtig, der Anteil an Autobiografie darin ist mir gleich – Voyeurismus lässt sich anderweitig ausleben.

INTERVIEW: Gibt es ein gutes Lesen im schlechten Leben?

GUGIĊ: Lesen verändert die Realität, das kann den Alltag für ein paar Augenblicke erträglicher machen.

 

Mehr Informationen gibt es hier.

Von: ANDREAS MERKEL

20.02.2015 | Kategorie Meine Bücher | Tags , ,

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