Von Deutschland in
die Welt

„Deutschland 83“ und kein Ende. Vor einem Jahr wurde die Serie über die deutsch-deutschen Abenteuer eines jungen Stasi-Spions bei zwar beklagenswerter Einschaltquote von RTL ausgestrahlt, doch ihr Ruhm wächst und Gedeiht. „Deutschland 83“ ist für den US-Fernsehpreis Emmy nominiert, die Hauptdarsteller Jonas Nay und Lisa Tomaschewsky sind die Gesichter der Aktuellen Loewe-Parfumkampagne, und Amazon Prime Video hat unter dem Titel „Deutschland 86“ die zweite Staffel angekündigt. Nay erklärt uns, warum die Serie in England so erfolgreich ist.

Foto: Alessio Bolzoni | Styling: Andreas Peter Krings | Look: Balenciaga - Maison Margiela - Uniqlo

Jonas Nay war 14, als er in der Serie 4 gegen Z das erste Mal vor der Kamera stand – als Sohn eines allein­erziehenden Trend­scouts, der sich gegen Udo Kier behaupten muss. ­Von da an ging es immer weiter bergauf. Die Hauptrolle als der Stasi-Spion Martin Rauch in Deutschland 83 ist der vor­läufige Höhepunkt in derKarriere des 26-jährigen Lübeckers, die ihn auch international bekannt machte.

Interview Haben Sie eine Idee, warum Deutschland 83 global besser funktioniert hat als lokal?

Jonas Nay Was England angeht, war es, glaube ich, sehr schlau, die Serie umgehend für ein großes Publikum zum Binge-Watching freizugeben. Bei Channel 4 war Deutschland 83 die erfolgreichste fremdsprachige Serie aller Zeiten, und bei Walter Presents, einem sehr populären Strea­mingdienst, hatten wir nach zwei Wochen schon dreieinhalb Millionen Klicks pro Folge, was absurd hohe Zahlen sind. Ich habe mich mit Walter Iuzzolino, dem Erfinder von Walter Presents, darüber unterhalten, und er meinte, dass es für England und auch den Rest der Welt einfach wahnsinnig spannend sei, den Kalten Krieg aus der Perspektive eines jungen Stasi-Spions zu erzählen.

Interview Okay, das erklärt, warum das Interesse im Ausland da war, aber es erklärt nicht, warum es in Deutschland fehlte.

Nay Wahrscheinlich haben nur wenige, die an der Serie interessiert waren, den Sprung zu RTL geschafft. Das war auf jeden Fall ein Zielgruppenproblem. Und das RTL-Publikum selbst erwartet von einer Serie auf dem Sendeplatz von Alarm für Cobra 11 wahrscheinlich auch etwas anderes. Deutschland 83 erlebt aber gerade in Deutschland eine regelrechte Renaissance. Mit dem Launch der ersten Staffel auf Amazon Prime und dem internationalen Rückenwind wird die Fanbase auch hierzulande stetig größer!

Interview Hinzu kam wohl auch das Problem einer wöchentlichen Ausstrahlung.

Nay Ja, ich bin schwer davon überzeugt, dass horizontal erzählte Serien kein Format für das herkömmliche Fernsehen sind. Ich schaue Serien am Stück, selbst wenn es nur zwei oder drei Folgen nacheinander sind. Und ich will auch entscheiden, wann und wie ich die sehe. Weil die Arbeitswelt sich so krass verändert hat, ist es den meisten Menschen, vor allem den jüngeren, die ja die Zielgruppe sind, sowieso unmöglich, einmal die Woche zu einer bestimmten Zeit einzuschalten. Das ist auch nicht der Sinn dieses Formats. Der Sinn ist, dass man sich in die Geschichte verliebt und schaut, schaut, schaut und nicht genug bekommen kann. Und dafür sind Streamingdienste einfach prädestiniert.

Interview Interessant, dass ein Format so eine Blüte erleben kann, obwohl es mit dem eigentlichen Formatträger nicht mehr kompatibel ist. Fernsehserien passen nicht mehr ins Fernsehen.

Nay Ich glaube, man muss da stark zwischen den sehr gut laufenden episodenbasierten Serienstoffen und den horizontal erzählten Serien unterscheiden. Diese passen meiner Meinung nach tatsächlich nicht mehr ins klassische Fernsehprogramm.

Interview Was hatten Sie sich eigentlich von Deutschland 83 versprochen?

Nay Für mich war die Idee einer Serie interessant, weil ich als Teenager ja über dieses Format überhaupt erst zur Schauspielerei gekommen bin und danach nur Filme gedreht habe. Meine Agentin wurde irgendwann von den Produzenten gefragt, ob sie sich irgendwie vorstellen könne, dass ich in einer RTL-Serie mitspielen würde. Tatsächlich gibt es viele Agenturen, die bei so einer Anfrage gleich absagen würden. Der Kreis der Schauspieler aus dem Arthouse-Segment, die für so eine Sache offen waren, war also von vornherein begrenzt.

 

Foto: Alessio Bolzoni | Styling: Andreas Peter Krings | Look: Loewe - Emporio Armani - Oliver Peoples x The Row - Wunderkind

Interview Sie hatten aber offenbar keine Bedenken.

Nay Ich habe mir die Sache erst einmal angeschaut. Wie sich dann herausstellte, hatte Anna Winger, die Autorin der Serie, mich sowieso für die Hauptrolle im Kopf. Als sie die Bücher schrieb, hing wohl ein Foto von mir an der Wand. Jedenfalls habe ich dann relativ schnell die ersten beiden Folgen zu lesen bekommen. Die waren total modern, mit viel erzählerischem Dampf, einfach herausragend gut. Natürlich kann beim Film trotz guter Bücher immer noch wahnsinnig viel schiefgehen, aber ich bin dann zum Casting gegangen und habe mit Edward Berger gearbeitet, der die ersten fünf Folgen gedreht hat. Das war eine großartige Erfahrung, also habe ich zugesagt. Dann waren bald auch Schauspieler wie Maria Schrader, Ulrich Noethen und Sylvester Groth mit an Bord, die man eigentlich auch nicht in einer RTL-Serie erwarten würde. Man hat auch gemerkt, dass mit Anna Winger eine Halbamerikanerin mit einem englischsprachigen Writers’ Room an den Drehbüchern gearbeitet hat, die anschließend ins Deutsche übersetzt wurden. Das wurde also ganz nach amerikanischem Modell produziert.

Interview Sonst ist es in Deutschland anders?

Nay In Deutschland ist es meist so, dass es ein oder zwei Autoren gibt. Aber bei Deutschland 83 hat man sofort gespürt, dass der Stoff eine andere Handschrift hatte, dass der Blick auf das Thema anders war. Anna Winger lebt zwar schon lange in Deutschland, hat aber einen unbefangeneren Umgang mit der deutsch-deutschen Geschichte, wahrscheinlich nicht so emotional behaftet. Sie hat sich die Sache angeschaut und gefragt: „Was finde ich daran spannend? Wie kann man das neu erzählen?“ Allerdings habe ich, als wir gedreht haben, jetzt auch nicht gerade den Welterfolg erwartet. Mein Gedanke war eher: „Cool, das ist eine Serie, die ich mir auch selbst anschauen würde.“ Insofern bin ich froh, dass es jetzt bei Amazon Prime als Deutschland 86 mit der zweiten Staffel weitergeht.

Jonas Nay: “Das RTL-Publikum selbst erwartet von einer Serie auf dem Sendeplatz von "Alarm für Cobra 11" wahrscheinlich auch etwas anderes. "Deutschland 83" erlebt aber gerade in Deutschland eine regelrechte Renaissance”
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Interview Werden Sie inzwischen vermehrt für internationale Produktionen angefragt?

Nay Ja, ich habe inzwischen eine Agentur in England, wahrscheinlich werde ich im nächsten Jahr international drehen, aber das habe ich auch vorher schon in deutschen Koproduktionen gemacht. Das kommt ja sowieso immer häufiger vor, weil Deutschland mittlerweile ein international beliebter Drehort ist. Das mischt sich gerade alles. Und dabei hilft mir Deutschland 83 natürlich sehr. Aber gerade war ich in einer norddeutschen ARD-Komödie unter der Regie von Lars Jessen dabei, und so etwas gefällt mir natürlich auch wahnsinnig gut. Ich meine, ich komme ja von hier, und ich glaube, ich werde immer in deutschen Produktionen mitspielen.

Interview Das ist ja kein Entweder-oder.

Nay Generell glaube ich, dass der Markt einfach größer wird, gerade durch die Streamingdienste. Wenn man auf nationaler Ebene den Zuschaueranteil einer horizontal erzählten Serie mit einer Tatort-Folge vergleicht, hat man natürlich ein deutlich kleineres Publikum. Wenn dank der Portale aber plötzlich die ganze Welt zuschauen kann, vergrößern sich die Einschaltquoten gewaltig. Daraus folgt, dass solche Serien von vornherein mit einem Augenmerk auf globale Auswertung produziert werden. Dahin geht die Entwicklung. Und da wäre ich gern dabei. Andererseits ist nicht alles, was international produziert wird, automatisch gut. Ich habe bislang immer die Sachen, die ich drehe, nach dem Stoff ausgesucht.

Interview Überhaupt wirkt Ihre Filmografie auf den ersten Blick so, als hätten Sie relativ wenig doofe Filme gedreht.

Nay Jeder dreht mal doofe Filme.

Interview Ja, aber um zu überleben, sind deutsche Schauspieler ja häufig dazu gezwungen, öfter mal ein paar doofe Sachen zu drehen.

Nay Ich hatte natürlich wahnsinniges Glück, dass meine erste Hauptrolle der Film Homevideo war. Darin ging es um Cybermobbing, war dementsprechend sehr ernst und ein eher arthousiges Fernsehdrama. Dem Film habe ich es zu verdanken, dass ich zu den Castings meiner späteren Filme überhaupt eingeladen wurde. Das war also ein großes Privileg. An solche Rollen kommt man, wenn keiner einen kennt, oft einfach gar nicht ran. Man sieht in solchen Filmen einfach immer besser aus, weil man einen tollen Kameramann hat, einen guten Regisseur und super Kollegen. Dieser Job hat viel mit Chancenungleichheit zu tun.

Interview Weil die Leute oft denken, dass einer nur Vorabendserien kann, weil er nur Vorabendserien dreht.

Nay Leider ja. Und dann war es, glaube ich, geschickt, dass ich parallel zu meiner Schauspielerei etwas anderes studiere. Erst Filmmusikkomposition und jetzt im Hauptfach Jazz-Piano. Ich hatte auch immer meine Band.

Interview Pudeldame?

Nay Genau, die Jungs begleiten mich schon seit acht Jahren. Wenn ich nichts zu drehen hatte, konnte ich immer wieder zur Musik zurück, mit den Jungs spielen oder an die Uni gehen und ein Semester studieren. Ich hatte also nicht diese Tiefs und krassen Lücken zwischen den Produktionen, die einen dazu verleiten, etwas zu drehen, das qualitativ vielleicht ­zweifelhaft ist. So nach dem Motto: Ich kann, ich darf, ich hab’s bekommen, ich mach’s!

Interview Wie weit sind Sie im Studium?

Nay Also, Filmmusik ist abgeschlossen, bei Jazz-Piano bin ich im siebten Semester an der Musikhochschule in Lübeck.

Interview Was im Übrigen auch sehr lokal ist. Wieso wohnen Sie nicht in Berlin – wie alle anderen auch?

Nay Berlin ist für mich mit Arbeit verbunden, ich bin ja viel hier und mag es auch gerne. Aber ich brauche Ruhe, um all die Eindrücke verarbeiten zu können, um runterzukommen, um mich neu zu sortieren. Und das kann ich nirgendwo besser als in meiner Heimatstadt. In Lübeck habe ich meine Familie, meine Freundin, meine Freunde, mein Studium, meine Band, meinen Handballverein. Ich habe da alles, was mich bindet und erdet.

Interview Was Jobangebote angeht, ist es also nicht notwendig, in Berlin zu sein?

Nay Was kurzfristige Castings angeht, hat es natürlich seine Vorteile, wenn man nicht erst umständlich anreisen muss. Andererseits habe ich es ja auch nie darauf angelegt, Schauspieler zu werden. Es gab nie den Traum, vor der Kamera zu stehen. Deswegen hielt ich es auch nie für notwendig, dort hinzuziehen, wo sich die besten Möglichkeiten bieten, diesen Traum, den ich nie hatte, zu realisieren.

Interview Umso ungerechter, dass es so gut klappt.

Nay Mir bleibt nichts anderes übrig, als es als Geschenk anzunehmen und aus den Chancen, die mir gegeben werden, das Beste zu machen. Das Business ist sowieso total unfair. Das ist auch bei Filmpreisen so. Bei dem letzten Fernsehpreis, den ich bekommen habe, war auch … ja, wer war denn da noch dabei? Also, Charly Hübner war noch mit mir nominiert, das weiß ich noch, der hat mir vorher viel Glück gewünscht. Und ich dachte nur: Will man mich jetzt mit Charly Hübner vergleichen? Das ist doch absurd. Dann bekommt man den Preis und sagt: „Sorry, aber halten die mich ernsthaft für besser als dich?“ Das ist eine schöne Anerkennung, aber völlig verrückt.

Interview Was macht Ihre Band? Mit deutschsprachiger Musik ist Pudeldame ja auch ziemlich lokal.

Nay Superlokal. Im November werden wir zum ersten Mal durch Deutschland touren, von Berlin aus nach Hamburg, Hildesheim und München.

Interview Haben Sie die Kommentare zu Pudeldame-Videos auf YouTube gelesen?

Nay Die sind englisch, oder?

Interview Exakt!

Nay Ja, ich habe mir überlegt, dass wir englische Untertitel brauchen, wenn wir das Video rausbringen. Wenn Deutschland 83 mit Untertiteln funktioniert, warum nicht auch unsere Musik? Gerade von den Briten wurde das gut angenommen.

Interview Schon ungewöhnlich.

Nay Ja, aber das machen wir jetzt immer bei unseren Videos so. Passt aber auch zu der Musik. Wir sind ja kein Mainstream.

Interview Darf ich sagen, dass mich Pudeldame ein wenig an Bilderbuch erinnert?

Nay Geil! Den Vergleich finde ich gut. Die sind ja auch nicht Mainstream, auch wenn sie sehr erfolgreich sind. Was ich mit Mainstream meine, ist Musik, die für die Masse produziert ist.

Interview Gehen Sie an die Musik ähnlich gelassen heran wie an die Schauspielerei?

Nay Das ist schon anders. Bei der Schauspielerei stoße ich ja immer erst in der Endphase dazu, bis auf den Dreh ist eigentlich alles fertig. Man ist ein Zahnrad in einer Maschine, als Band ist man die Maschine selbst. Das funktioniert sehr schön im Wechselspiel mit der Schauspielerei. Ich weiß noch, nachdem ich 2014 nacheinander Tannbach und Deutschland 83 gedreht habe, dachte ich: „Kann ich jetzt bitte wieder Instrumente spielen?“ Andersrum geht es mir aber genauso.

von Harald Peters

 

Credits:

Haare: TEiJI UTSUMI/BRYANT ARTISTS | Make-up HELENA NARRA/LIGANORD | Produktion: Pandora GRAESSL/GRAESSL STUDIO | Digital Operator: ANNA MONTESI/Numerique Retusche: Numerique | Foto-Assistenz: KRISTINA WEINHOLD | Styling-Assistenz: ALISA VORNEHM, MARIE-THERESE HAUSTEIN

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