Ein Züricher in New York: WILLY SPILLER

Als Willy Spiller in den Siebzigern Zürich zu eng wurde, packte er seine Sachen und ging nach New York – und fotografierte dort als Reporter eine Stadt, die längst untergegangen ist: kaputt, dreckig, exzessiv und gefährlich, aber auch kreativ, bunt und herrlich glamourös.

Penelope on the Roof, 7th Avenue, New York, 1982

HARALD PETERS: Wie sind Sie 1977 eigentlich nach New York gekommen?

WILLY SPILLER: Ich denke, ich kam mit dem Flugzeug!

HP: Wunderbar, das Interview steuert gleich in die richtige Richtung. Aber wieso sind Sie nach New York gegangen?

WS: Ich war damals ja Lokalreporter in Zürich, bei einer Wochenzeitung. Vorbild war dabei Mark Twain, der ja auch manchmal Lokalreporter gespielt hat. Über die Eröffnung eines Friseursalons zu berichten, war dann einfach lustig und nicht nur langweilig. Es kommt immer auf den Blickwinkel an, oder? Es hat dann sogar ein Buch gegeben, „Die Stadt – Bilder eines Lokal reporters“, das war alles sehr schön, aber nach einigen Jahren hatte ich das Gefühl, alles gesehen zu haben. Ich dachte, wenn ich jetzt nicht Zürich verlasse, dann geht oben der Deckel zu, und ich ersticke. Also bin ich halt nach New York. Ich war vorher schon viel herumgereist. Ich kannte Asien und Afrika, aber Amerika hatte für mich bis dahin nie Priorität gehabt, denn damals war man gegen Amerika. Aber nach dem Ende des Vietnamkriegs war es wieder okay, nach Amerika zu gehen – auch wegen der Musik und allem. New York schien mir die wichtigste Stadt zu sein.

HP: Hatten Sie einen Plan?

WS: Nein, und ich hatte auch praktisch kein Geld.

HP: Und wie haben Sie überlebt?

WS: Irgendwie habe ich es geschafft, mich als Auslandskorrespondent für eine Zeitung in der Schweiz akkreditieren zu lassen. Ich hatte natürlich auch den passenden Trenchcoat. Es ist nämlich nicht einfach, in New York eine Arbeitserlaubnis zu bekommen. Aber die braucht man. Ich wollte nicht den Touristen spielen und heimlich arbeiten gehen. Man will ja auch normal arbeiten und nicht nur Impressionen sammeln. Abgesehen davon war das damals auch gar nicht in Mode, Impressionen von Parks, leeren Parkplätzen und solches Zeugs zu sammeln, um dann ein Buch daraus zu machen.

HP: Ihre Bilder von der Subway mussten auch Jahrzehnte warten, bis sie in dem Buch „Hell On Wheels“ veröffentlicht wurden.

WS: Ja, aber es gab damals schon ein Buch, im Grunde ohne mein Dazutun, das hat mir gar nicht gefallen. Das hieß „Subway New York, Menschen im Untergrund“ – schon der Titel ist ja zum Schreien. Das Buch war dann auch ein Misserfolg.

Broadway Junction, Brooklyn, New York, 1982

HP: Insofern hatten Sie Glück, dass das Buch keiner mitbekommen hat und Sie die Fotos noch einmal veröffentlichen konnten.

WS: Noch vor zehn Jahren wären die Fotos uninteressant gewesen. Aber es gibt immer wieder Zeitfenster, in denen man von einer bestimmten Epoche fasziniert ist, auch was die Mode angeht. Die Eighties in New York waren und sind gerade angesagt, deswegen hat es gut gepasst, als „Hell On Wheels“ vor zwei Jahren erschienen ist.

HP: Als ich die Bilder gesehen habe, habe ich mich gewundert, wie stylish die Leute darauf aussehen. Ich habe mich gefragt, ob man die Leute damals auch schon als so stylish empfunden hat oder ob sie nur im Rückblick so geworden sind.

WS: Nun, die waren schon sehr stylish gekleidet. Es gab kürzlich bei Netflix die Serie „The Get Down“, in der auch alles auf den Style dieser Zeit ausgerichtet ist. Aber ich denke, dass es den Leuten damals im täglichen Leben nicht so bewusst war, wie stylish es war, weil ja alle relativ gleich rumgelaufen sind.

HP: Als Sie damals in New York ankamen, steckte die Stadt in den Anfängen von Punk, Disco erlebte seine Blütezeit und HipHop entwickelte sich gerade.

WS: Ja, Zufall. Ich war zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Das kommt einem manchmal zugute.

HP: Haben Sie sich damals als Reporter verstanden, oder waren Sie Teil einer Kunstszene?

WS: Nein, zur Kunstszene gehörte ich gar nicht, ich war Reporter. Ich habe zwar einige Künstler porträtiert und auch gesehen, dass die Fotografie in die Kunstrichtung drängt. Ich sah auch, dass man als Künstler, wenn man Erfolg haben will, eine Signatur haben muss, ein Markenzeichen. Wenn man so ein Markenzeichen hat, verlangt die Galerie aber von einem, dass man dem Markenzeichen treu bleibt. Die Entwicklung wird einem sozusagen ab einem gewissen Punkt abgeklemmt, dann müssen die immer wieder das Gleiche produzieren, weil es sich verkauft. Hinzu kommt, dass es mir als Künstler auch zu einsam gewesen wäre. Als Reporter ist man im Geschehen, man ist Teil davon. Meine Eitelkeit ist auch nicht so wahnsinnig groß, und wenn der Name sowieso immer mit dem Bild abgedruckt wird, wissen die Leute ja, wer es gemacht hat. Darum war die Kunstszene für mich uninteressant. Ich habe auch mal in einem Kunstmuseum ausgestellt und sofort gesehen: Das ist nicht mein Ding, diese künstlichen Hypes und all das Zeug, das war nicht mein Geschmack.

HP: Damals gab es diesen Hype um Künstler auch schon so? Ich dachte immer, dass sei eine jüngere Entwicklung.

WS: Nein, nein. Im Grunde sind es doch des Kaisers neue Kleider, schlicht und einfach. Ein Bild muss einen Inhalt haben. Wenn ein Bild keinen Inhalt hat, dann ist es langweilig. Und ob ein Bild langweilig ist, darüber entscheiden die Leute. Dieser Prozess ist ja sehr demokratisch, nicht wie in der Kunst, wo einige Wenige sagen: „Das ist es!“ Ich denke, dass meine Bilder deswegen einen gewissen Erfolg haben, weil sie eine Geschichte erzählen.

HP: Handelt es sich bei den Bildern eigentlich um Schnappschüsse, oder sind die inszeniert? Ich finde, manchmal ist das schwer zu sagen.

Leroy in Harlem, New York, 1984

WS: Fifty-fifty, würde ich sagen. Natürlich habe ich auch viele Bilder inszeniert, das ist doch klar. Wenn man etwas Spannendes sieht und das Gefühl hat, dass man es noch ein bisschen prägnanter darstellen kann, dann spricht man halt mit den Leuten. Ich bin kein Dieb, ich habe nie aus der Hüfte Bilder gemacht.

HP: Die Leute wussten also immer, dass sie fotografiert werden?

WS: Jaja. Und New York ist natürlich kommunikationsfreudig und auf Selbstdarstellung bedacht. Da ist man als Fotograf genau am richtigen Ort. Wäre man, sagen wir mal, im Iran oder so, wäre das natürlich ganz anders. Darum hat man es mir ganz einfach gemacht: „Take my picture!“ Na klar, gerne doch!

HP: Das waren dann auch die Bilder, von denen Sie gelebt haben?

WS: Ja, die Leute haben sich dafür interessiert, die Zeiten waren ja spannend.

HP: Über 1981 sagt man, dass es für New York das gefährlichste Jahr überhaupt gewesen sei. Das New York von damals ist mit dem von heute gar nicht zu vergleichen.

WS: Überhaupt nicht vergleichbar, heute ist es dort ja lauwarm. Und es war so, dass die meisten Zeitungen zwar Korrespondenten vor Ort hatten, aber keine Fotografen. Das war für mich der Trick. Bei den amerikanischen Journalisten habe ich allerdings nicht mitgemischt, das war ein geschlossener Zirkel. Eine kurze Zeit habe ich es versucht, weil ich jemanden vom „National Geographic“ kannte. Ich war auch mal bei denen in der Redaktion und dachte: „Was ist denn das für ein Sonntagsschulverein?!“ Aber die Korrespondenten aus Europa brauchten natürlich Bilder für ihre Berichte – und zwar Bilder, die den europäischen Blick hatten. Wenn ein Korrespondent zum Beispiel ein Bild von einer Kreuzung mit drei Tankstellen und einem Supermarkt brauchte, dann sieht ein Amerikaner das natürlich anders als ein Europäer. Und da kam ich ins Spiel. Davon habe ich auch gut gelebt.

HP: Aber die U-Bahn-Bilder aus „Hell On Wheels“ waren nicht die Bilder, die Sie damals an die Zeitungen verkauft haben?

Dancers, Studio 54, New York, 1979
Willy Spiller: “Nein, zur Kunstszene gehörte ich gar nicht, ich war Reporter. Als Künstler wäre es mir zu einsam gewesen. Als Reporter ist man im Geschehen”
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Lopez Sisters on the Roof, New York, 1981

WS: Doch, die habe ich sogar sehr gut verkauft. Die „FAZ“, die damals noch ein Magazin hatte, hat sogar die Titelgeschichte damit gemacht. Die Bilder wirkten ja so schön gefährlich.

HP: Und auch so exotisch. Die Welt war noch nicht so vernetzt, und folglich war man solche Bilder noch nicht so gewohnt.

WS: Es hatte vorher auch nie einer die New Yorker U-Bahn fotografiert, was mich bis heute am meisten erstaunt.

HP: Wahrscheinlich, weil sich keiner dorthin getraut hat.

WS: Stimmt, es braucht Überwindung, das weiß jeder, der auf der Straße fotografiert. In einem öffentlichen Verkehrsmittel macht man erst recht keine Fotos, weil dann immer irgendeiner aufsteht und in der Gegend rumschreit, was das soll. Ich brauchte damals auch eine besondere Genehmigung von der Port Authority, die für die Subway zuständig war. Der normale Presseausweis hat dafür nicht gereicht. Aber es hat mich wirklich überrascht, dass das sonst eigentlich niemand gemacht hat. Sie kennen die Bilder von Bruce Davidson, oder?

HP: Kenne ich die? Ich google schnell mal … Doch, kenne ich.

WS: Und jetzt gehen Sie mal auf YouTube, da kann man ihn sogar sprechen hören, wie er da in Kampfkleidung in die New Yorker Subway zum Fotografieren geht, so als würde er in den Krieg ziehen, ganz furchtbar. Tatsächlich hatte er aber Scouts dabei, typisch amerikanisch, die die Leute erst ansprachen, ob er ein Porträt von ihnen machen kann. Dann muss man als Fotograf nur noch auf den Auslöser drücken. Klack. Flash!

Flatbush Avenue, Brooklyn, New York, 1982

HP: Also eher keine Kriegssituation …

WS: Und auf YouTube spricht er darüber, dass er monatelang für den Einsatz in der U-Bahn trainiert hat und mit Sackmesser und Pflaster bewaffnet war und auch eine Trillerpfeife dabei hatte, falls er in Not gerät.

HP: Haha, wie albern.

WS: Wenn ich in der Subway fotografiert habe, hatte ich immer einen Anzug mit Krawatte an, ich war immer sehr schön angezogen.

HP: Sie brauchten also keine Kriegsausrüstung?

WS: Nein, das ist ja auch daneben. Auch heute, wenn ich diese Fotografen sehe, wie die mit ihren Westen mit 27 Taschen und ihren Hosen, die auch Seitentaschen haben, rumlaufen. Wie beim Militär. Ich habe damals auch nie Sneaker getragen, nie, nie. Keine Jeans, keine Sneaker, ich war immer sehr anständig angezogen. Vor allem wenn ich abends in Harlem ausging, in die Jazzclubs und so. Wenn die Schwarzen ausgehen, die vor allem in den Clubs waren, dann wollen sie eine gute Zeit haben und sind auch immer elegant angezogen. Dann kann man denen doch nicht mit schlechter Kleidung die Szene versauen, oder?

HP: Absolut. Warum sind Sie eigentlich 1984 wieder nach Zürich zurückgegangen?

WS: Ich hatte Heimweh. Als Reporter bin ich ja in all den Jahren in Amerika viel herumgereist, also von Alaska bis runter in den Süden. Und irgendwann hatte ich das Gefühl, alles gesehen zu haben. Ich dachte auch, dass es irgendwie schöner wäre, jetzt doch einen richtigen Espresso in Mailand zu haben oder ein Baguette in Paris. In Europa ist ja alles so schön nah beieinander und einfach. New York ist ja so dermaßen anstrengend, selbst wenn man nichts macht und nur in der Stadt rumläuft. Die New Yorker sagen ja immer: „If you can do three things a day, you’re lucky.“ Man geht also zur Post, zur Bank und kauft dann noch etwas Kleines ein – und ist davon dann schon völlig erledigt. Und dann kommt man zurück nach Zürich und denkt: „Hier ist es ja immer wie in den Ferien!“

Willy Spiller wird vertreten durch die Züricher Galerie Bildhalle.

22.05.2018 | Kategorien Interview, Magazin | Tags , , , ,