MARC FORSTER

Nach Halle Berry, James Bond und Zombies hat sich der Regisseur des nächsten großen Themas angenommen: Winnie-the-Pooh.

© Jack Pierson

Marc Forsters Werk lässt sich durchaus als abwechslungsreich beschreiben. In „Monster’s Ball“ mit Halle Berry stapelt er für seine Hauptdarstellerin einen Schick­salsschlag auf den anderen, wobei inte­ressanterweise weder Monster noch Bälle darin vorkommen; in „Wenn Träume fliegen lernen“ schickt er Johnny Depp auf die Spuren von Peter Pan; in „Schräger als Fiktion“ muss Will Ferrell lernen, dass er eine Romanfigur ist, obwohl die Kinozu­schauer im Kino eigentlich dachten, dass es sich bei ihm um eine Filmfigur handelt. Einer von Forsters größten Erfolgen war allerdings der Bond­-Film „Ein Quantum Trost“, wobei der Trost für Bond darin be­ stand, dass die Weltbeherrschungspläne des Bösewichts derart kompliziert waren, dass dieser sie selbst nicht verstand. Die Zombie­- Apokalypse „World War Z“ mit Brad Pitt lief dann fast wie von selbst. In seinem neuen Film „Christopher Robin“ spielt nun der Bär Winnie-­the­-Pooh die Hauptrolle, der dem Titelhelden, einem von den Zu­mutungen des Daseins gründlich zerknirschten Ewan McGregor, wieder neues Lebensglück ein­ hauchen soll. Über die philoso­phischen Lehren des Bären Pooh sprach Forster mit dem Schweizer Model Nadine Strittmatter am Telefon.

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Nadine Strittmatter: Was machst du denn gerade?

Marc Forster: Ich bin in London und arbeite an den letzten Aufnahmen für die Visual Effects und mache Animation Recordings für meinen Film „Christopher Robin“.

NS: Ich habe gerade den Trailer gesehen – und ich war sehr berührt! Vor allem hat es mich auch sehr an dich erinnert. Als ich einmal bei dir in Los Angeles ins Büro kam, habe ich gemerkt, dass du einige Leute hast, die für dich arbeiten. Und in dem Trai­ler kommt Christopher Robin ins Büro, und sein Angestellter sagt ihm, dass er einige Leute entlassen muss. Danach setzt er sich in einen Garten in London und fragt sich, was er wohl tun soll – und Winnie­ the­ Pooh erscheint. Was machst du denn im Fall, dass du mal nicht mehr weiter weißt? Hast du auch so einen Imaginary Friend?

MF: Ich würde dazu nicht Imaginary Friend sagen … aber gleichzeitig ist es so: Als Geschichtenerzähler muss man sich stets hinterfragen, was man eigentlich erzählen möchte. Wie man sich selber im Leben entwickelt, so entwickeln sich auch die Geschichten mit. Wenn du dich als Mensch änderst – was immer du kreierst, das ist ja immer eine Reflektion von dir selber. Und ich glaube, diese Selbstreflek­tion ist auch immer eine Reflektion des Zeitalters, in dem man lebt. Hast du schon mal von „The Tao of Pooh“ gehört? Ich will positive Geschichten erzählen. Weil es ja doch überall sehr viel Schmerz gibt, Leute die durch Wechsel gehen, und weil sich die Welt im Moment so schnell ändert, dass wir uns gar nicht mehr an­passen können.

NS: Nein.

MF: Es gibt diese „Poohisms“. Das sind einige meiner Lieblingszitate, weil sie diese Einfachheit besitzen. Poo­hisms sind simple Aussagen, die sehr viel Wahrheit enthalten. Mein Film, obwohl ein historisches Stück, zeigt viele Parallelen zu unserer heutigen Zeit. Wir leben mit viel Tumult und Unruhe. Deshalb finde ich es wichtig, eine Positivität widerzuspiegeln.

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NS: Bedeutet Winnie­ the ­Pooh vielleicht auch so etwas wie eine innere Stimme?

MF: Ja, auf jeden Fall. Jim Cummings hat ja den animierten Pooh in den klassi­schen Zeichentrickfilmen synchronisiert. Und auf YouTube hat es alle diese Videos von Menschen, die anfangen zu weinen, wenn sie seine Stimme hören, weil der so eine Melancholie auslöst – aber auch Kindheitserinnerungen.

NS: Das stimmt – ich habe auch immer „Pooh“ geschaut. Das hat mich auch immer so berührt, wenn ich das irgendwo wiedergesehen habe – aber dein Trailer hat etwas Vergleichbares ausgelöst.

MF: Ich habe ein Zitat von Pooh für dich: „Some people care too much. I think it’s called love.“

NS: Sweet.

MF: Und noch ein anderes: „People say, nothing is impossible. But I do nothing every day.“ Und „Rivers know this: there is no hurry. We shall get there someday.“

NS: Kann ich gut gebrauchen. Ist wirklich so ein bisschen wie Taoismus. Verlierst du diese Einstellung zum Leben niemals aus den Augen? Du bist ja immer sehr ruhig, immer gut drauf. Verlierst du das denn nie?

MF: Ich glaube, jeder verliert das mal …

NS: Und was machst du dann?

MF: Einatmen – empfehle ich sehr! Und abgesehen vom Atmen auch hin­ hören; nicht bloß auf andere Leute hören, sondern auch auf sich sel­ber. Und innerlich hinzulauschen, wie es denn anders verlaufen könnte – und dann ganz pragma­tisch sein, obwohl wir ja emotio­nale Wesen sind. Aber anstatt in die Emotionalität einzutauchen, Distanz dazu einzunehmen. Und sich fragen: Wie kann ich es lösen, im pragmatischen Sinn?

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Marc Forster: “Jack Pierson ist ein Wahnsinnskünstler. Ich habe ihn schon immer sehr bewundert.”
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NS: Schaffst du das denn immer?

MF: Manchmal werde ich über­wältigt, dann dauert es einen Moment. Aber ich versuche es.

NS: Stimmt, du bist schon eine sehr dra­mafreie Person! Meinst du, das ist auch eine Qualität, die sehr deutsch oder schweizerisch ist, dieses Pragmatische?

MF: Was ich vom Schweizerischen mit­ genommen habe, das ist schon diese Disziplin, von der Kindheit, wie man halt aufgewachsen ist. Schweizer sind schon sehr diszipliniert und arbeitsam. Fleißig. Es gibt ja Länder, in denen arbeiten die Leute mehr als in anderen. Aber am Ende geht es um die Passion. Bei mir kommt alles aus der Passion. Ich erzähle diese Geschichten sehr gerne und genieß das sehr. Ich habe gar keine andere Wahl.

NS: Wie war es eigentlich, mit Jack Pierson zu arbeiten?

MF: Das war toll. Er ist ja ein Wahnsinns­künstler. Ich hatte ihn schon immer sehr bewundert. Das hat mir großen Spaß ge­macht. Obwohl wir gemeinsame Freunde haben, kannte ich ihn vorher nicht. Ich wollte absichtlich zu ihm nach Hause in die Wüste fahren, dort lebt er zeitweise. Ich wollte in seinem Umfeld sein. Da, wo er sich zu Hause fühlt.

NS: Wie ist das bei ihm zu Hause?

MF: Sehr farbig. Er ist ein liebenswürdi­ger Mann, sehr intuitiv wie viele Künst­ler. Wir gingen dann in die Wüste. Da, wo er mich hinbrachte, hatte es diese Stein­spirale. Und er sagte mir, ich sollte mich in die Mitte der Spirale stellen. Diese Stein­spirale hat mich an diesen Dokumentar­film erinnert, den du mir mal gezeigt hast, von diesen Steinspiralen in Afrika.

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Marc Forster: “Ich liebe die Wüste und die Berge! Beides sind Orte, die einsam und verlassen sind. Da begibst du dich in die Isolation. ”
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NS: Der mit den Außerirdischen?

MF: Genau. Und das gab dann ein richtig tolles Foto.

NS: Für mich bist du ein bisschen wie ein Poet. Gleichzeitig schaffst du es immer wieder, dieses Poetische, diese Echtheit und diese Kunst mit dem kommerziellen Alltag Hollywoods zu vermischen. Alle deine Filme haben eine berührende Aus­sage, nicht wie bei jedem anderem Holly­woodfilm. Das schaffen wirklich sehr wenige. Wie machst du das denn?

MF: Ich liebe einfach Filme – und ich liebe auch Kunst. Ich liebe Regisseure wie Lars von Trier und David Lynch, aber auch Steven Spielberg – und ich werde von allen inspiriert. Und ich versuche, auf der einen Seite alles sehr real zu halten und auf der anderen Seite dieses Fantasie­volle zuzulassen. Und die Kombination von beidem ist etwas, was mich persön­lich sehr berührt.

NS: Joshua Tree oder Graubündner Berge?

MF: Oooh! Muss ich da wählen?

NS: Ja!

MF: Ich liebe die Wüste und die Berge! Beides sind Orte, die einsam und verlassen sind. Da begibst du dich in die Isola­tion. Graubünden bringt mich persön­lich halt ein bisschen zurück in meine Kindheit, dabei entsteht eine Melancho­lie. Andererseits: Joshua Tree war meine erste Begegnung mit der Wüste. Es ist der Ort, an dem ich in L.A., in der Re­gion, meinen Traum lebe. Vor allem als ich das erste Mal dahin gegangen bin, da hatte ich das Gefühl, alles ist mög­lich. Das eine repräsentiert für mich also eher die Vergangenheit, das an­dere bedeutet für mich eher Leben im Augenblick.

NS: Ich habe immer auch das Gefühl, dass Europa ein bisschen schwer ist, mit der Geschichte und der Vergangenheit. L.A. und Orte dort wie Joshua Tree: Da gibt es keinen Europakomplex.

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MF: Ja, das stimmt.

NS: Schamane oder Appenzeller Heiler?

MF: Ich war noch nie bei einem Appen­zeller Heiler. Du?

NS: Ja, da gibt es diese Iridologen, die schauen dir in die Augen und sehen deine Gesundheit durch deine Augen. Die sehen zum Beispiel, dass deine Leber nur zu zehn Prozent funktioniert.

MF: In Lateinamerika habe ich mich schon mit Schamanen getroffen, habe versucht, deren Lebensweise und Philo­sophie zu verstehen. Und ich habe auch einen getroffen. Da habe ich wirklich be­griffen, was uns als Menschen zurückhält – diese Angst. Ich war damals 27. Und ich habe damals wirklich gelernt, vor nichts Angst zu haben. Weder vorm Leben noch vorm Tod.

NS: Und konntest du die überwinden?

MF: Ja. Ich glaube, vor was auch immer man Angst hat, das zieht man dadurch erst an.

NS:Sean Connery oder Daniel Craig?

MF: Daniel Craig.

NS: Walt Disney oder Schellen­ Ursli?

MF: Schellen­ Ursli!

NS: Fondue oder Hamburger?

MF: Raclette!

NS: Wieso bist du eigentlich in die Schweiz gezogen?

MF: Mein Vater hatte dazu mal seine Firma verkauft, als wir in Deutschland lebten. Wir kriegten da Drohbriefe. Das war alles zu Zeiten von Baader­Meinhof. Und meine Eltern fanden das damals sicherer, in die Schweiz zu ziehen.

(Seine Mutter war eine Schweizer Architektin, sein Vater ein wohlhabender Pharmaunternehmer im bayerischen Illertissen, wo Marc Forster geboren wurde.)

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NS: Wie war das denn, in der Schweiz aufzuwachsen, ohne Schweizer zu sein?

MF: Am Anfang sehr schwer. Ich konnte kein Schwyzerdütsch.

NS: Wie ist dein Blick auf die Schweiz vom Ausland aus?

MF: In der Schweiz hat man irgendwie das Gefühl, dass alles noch okay ist – verglichen mit anderen Orten auf der Welt. In der Schweiz hat man das Gefühl von Stabilität.

NS: Diese Steine auf den Fotos: Was sind das für Steine?

MF: Ein Herz, so zwei kleine Leuchtsteine, und diese Madonna, die war in meinem Haus in der Wand. Und als ich das Haus umgebaut habe, ist sie von der Wand gefallen, und nun habe ich sie einfach so aufgestellt bei mir.

NS: Was hast du in deinem Kühlschrank?

MF: Warte, ich schick dir rasch ein Foto aus meinem im Wohnwagen hier.

(Auf dem Bild sind Kefir-Drinks, Säfte, Himbeerkonfitüre, Mandelbutter, Roggenbrot und ein Behälter mit Bienenpollen.)

NS: In L. A. hast du doch vor allem Vitamine?

MF: Aber doch nicht im Kühlschrank!

NS: Du hast auch diese unglaubliche Wasserstation in der Küche, die sehr bekannt ist unter deinen Freunden. „Oxygenated Water“, wenn ich mich nicht irre?

MF: „The Fountain of Youth!“



Marc Forsters Winnie-the-Pooh- Adaption „CHRISTOPHER ROBIN“ kommt im Herbst in die Kinos.

 

Fotos: Jack Pierson

© Jack Pierson