Pierluigi Macor

Ein Bildband zeigt die amerikanischen Alltagslandschaften. Dort blühen Schönheiten im Straßenstaub.

© Pierluigi Macor

Es gibt, ungefähr in der Mitte dieses Bildbandes, eine Doppelseite, die unvergesslich bleibt. Zu sehen ist ein hoher Abendhimmel mit dort vom Sonnenuntergangslicht schon gelblich eingefärbten Wolkenfasern. Wie verweht ragen bis hinauf in den Himmel unbekannte Gewächse, die Blüten haben in den Farbtönen von Bremsleuchten und Blinkern. Die Pflanzen scheinen riesengroß, aber vielleicht lag ihr Fotograf, Pierluigi Macor, für diese Aufnahme auch auf dem Rücken. Ganz klein erkennt man in der Ferne eine Palme mit glänzenden Wedeln, ein Haus.

© Pierluigi Macor

Schon einmal ist ein Schweizer Fotograf nach Amerika aufgebrochen und hat auf seiner Reise durch die unbekannte Weite eine Arbeit geschaffen, die bis heute als Meisterwerk gilt. Der Vergleich mit „The Americans“ von Robert Frank ist nicht unvermeidlich beim Betrachten von Pierluigi Macors „Bowie, Texas“, aber er ist interessant. Denn in seinen Bildern, die zwischen 2011 und 2016 während langer Fahrten durch Texas, Colorado, Montana und Mississippi aufgenommen wurden, sind kaum Amerikaner zu sehen. Das Sonnenlicht spielt die Hauptrolle, es ist häufig kurz vor Sonnenuntergang, wenn selbst Rostiges für wenige Augenblicke so wirken darf, als sei nichts hinfällig, sondern mit Kakaopulver überstäubt.

© Pierluigi Macor

In diesem Licht, bald glaubt man schon, der größte Schatz der Amerikaner läge im Licht – in dem und in der Weite des Landes, dem vielen Platz –, erscheint das Unkraut, eine Winde, die sich um einen Laternenpfahl aus sonnengegerbtem Holz gewickelt hat, edel mit ihren violetten Blütenbechern. Das sehen zu können, dies einzufangen zum genau richtigen Zeitpunkt, der bei Pierluigi Macor vor allem ein Lichtzeitpunkt ist, dazu braucht es vor allem Hingabe und ein Ohr für die Poesie der Einsamkeit. Nicht für das Extreme, Herausragende wie den Grand Canyon, sondern für die Alltagslandschaften dort.

© Pierluigi Macor

Dass wir keine Amerikaner vermissen in diesen Bildern, das Land an sich studieren wollen ist ein interessantes Indiz für ein verändertes Verhältnis zur amerikanischen Kultur, seit Robert Frank dort mit seinen Porträts des Alltagslebens Geschichte gemacht hat.

BOWIE, TEXAS ist bei Edition Patrick Frey erschienen.