Der theatralische Augustin

Sein Vater ist Choreograf, Augustin Maillot hat seine Kindheit hinter der Bühne verbracht. Karl Lagerfeld ist sein Patenonkel, und er war in Neville Brodys Studio zuständig für Chloé und Dior. Man müsste meinen, dass Augustin Maillot die Mode liebt. Oder sie ihn?

Foto: Felix Dol

Kurz bevor er mit dem Rauchen aufhören wird, treffen wir Augustin Maillot noch mit einer Zigarette in der Linken an seinem Arbeitsplatz im Atelier Chanel. Hier spaziert er seit seinem 17. Lebensjahr ein und aus, zunächst als Praktikant, aber schon bald als Mitglied dieser Familie. Was er dort genau macht, scheint diffus – eventuell ist es sogar das, was von ihm verlangt wird: diffus bleiben, dabei sein. Als eine männliche Muse. Als jugendlicher Ideenlieferant.

KATJA HORVAT: Wie hat sich die Modeszene in Paris über die Jahre verändert? Sie müssen einen großen Umschwung miterlebt haben.

AUGUSTIN MAILLOT: Vor allem in den vergangenen zwei Jahren ist es deutlich geworden. Die Amerikaner wollen alle in Paris zeigen, und ich verstehe nicht so richtig, was daran gut sein soll. gewiss, das tut unserer Wirtschaft gut, aber der Aufschwung sollte von uns selbst geschafft werden können, weniger durch Importe. Derzeit besteht die Mehrheit in der Pariser Mode nicht aus französischen Leuten.

KH: Beziehen Sie sich dabei auf die jüngeren Häuser?

AM: Ja. In der Abteilung Nachwuchs ist bei uns nicht viel los. Die Franzosen helfen einander kaum, darum ist es sehr schwierig, in Paris eine neue Marke aufzubauen. Jacquemus macht gute Arbeit für sein eigenes Label, aber die Mehrheit wirklich talentierter junger Kreativer arbeitet für größere Häuser. Und wenn sie etwas Eigenes anfangen, dann mit einem überholten Konzept. Nichts ist je wirklich neu.

KH: Worin besteht die größte Herausforderung für junge Designer? In der Finanzierung?

AM: Ich hätte jetzt beinahe noch Publicity gesagt, aber die Presse ist doch nicht mehr so wichtig, jetzt, wo es Social Media gibt. Also ja, es ist das Geld.

KH: Auch Sie hatten Ihr eigenes Label, Géometrick. Mussten Sie diese Arbeit aus finanziellen Gründen einstellen?

AUGUSTIN MAILLOT auf dem Laufsteg

AM: Zum Teil ja. Ich habe früh und ohne jede Grundkenntnisse in Betriebswirtschaft angefangen. Aber ich bin froh, dass ich diese Erfahrung gemacht habe. Zumindest weiß ich jetzt, was ich nie wieder erleben will.

KH: Sie hassen die Mode, aber lieben die Kleider. träumen Sie manchmal davon, aus dieser Branche aussteigen zu können?

AM: Ich finde das Wort „aussteigen“ impliziert, dass man sich zuerst nach drinnen gearbeitet haben muss. Ich wurde irgendwie in diese Welt hineingeboren, kreativ gesprochen. Chanel fühlt sich wie meine Familie an, ich fühle mich hier behütet. Das ist heutzutage selten. Mit Karl zusammenzuarbeiten ist außerdem ein absolutes Privileg. Er ist ein Genie.

KH : Alban Adam nannte ihn kürzlich den Andy Warhol der Mode.

AM: Auf seine Art ja. Er hat die Industrie verändert oder war zumindest genial genug, sich jeder kleinen Veränderung anpassen zu können. Karl balanciert alles aus bis zur Perfektion: sein Talent, sein Wissen vom Markt und auch seine Korona, die Welt, die ihn umgibt.

KH: Wünschen Sie sich ebenso einen monumentalen Erfolg?

Augustin Maillot: “Ich wurde irgendwie in diese Welt hineingeboren, kreativ gesprochen. Chanel fühlt sich wie meine Familie an, ich fühle mich hier behütet. Das ist heutzutage selten. Mit Karl zusammenzuarbeiten ist außerdem ein absolutes Privileg. Er ist ein Genie.”
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AM: Nein. Um zu haben, was Karl hat, muss man viel aufgeben. Man braucht eine extreme Persönlichkeit. Dafür strebe ich allzu sehr nach Harmonie.

KH: Ihr Vater ist der Choreograf Jean-Christophe Maillot. Sie arbeiten oft als sein Kostümbildner. Wie bringen Sie Ihre Formvorstellungen mit den Bewegungen der Tänzer in Einklang?

AM: Das ist das Schwierigste daran. Es braucht etwas Zeit, um zu verstehen, was Bewegung wirklich heißt – aber das ist nur ein Aspekt. Es geht auch um Geschichte und Gefühle. In der Mode zeigen Kleider den Charakter ihrer Trägerin. Kostüme sind Werkzeuge, die einer Intention folgen – manchmal sollen sie offenbaren, manchmal verstecken.

KH: An welcher Produktion arbeiten Sie gerade?

AM: Die Vorlage ist das Ballett „Coppélia“. Das Stück handelt von künstlicher Intelligenz, von der Beziehung zwischen dem Kreateur und seiner Kreation. Neben den Kostümen arbeite ich dieses Mal auch am Bühnenbild und kann somit alles dort bekleiden: den Raum und sämtliche Bewegungen darin.

KH: Was bringt Ihnen mehr Befriedigung, die Mode oder Kostümbildnerei?

AM : Mich befriedigt es, das eine dem anderen einzuverleiben.

KH: Was ist das Pariserischste an Ihnen?

AM: Chanel.

 

von Katja Horvat