Groß träumen, groß werden

Brockhampton veröffentlichen morgen ihr drittes Studioalbum (das vermutlich nicht ihr letztes bleiben wird). Ein Porträt der texanischen HipHop-Crew.

Glück ist meistens nicht das, was Postkarten und Kalendersprüche über das Glück verbreiten. Manchmal findet man es ziemlich genau dort, wo man es vermutet hatte, man braucht bloß eine gute Internetverbindung. Paare, die sich auf Tinder kennengelernt haben, werden das bestätigen können. Und auch der Mensch, der bei seiner Immobiliensuche einen eigenwilligen Weg ging als er auf Youtube “Brockhampton” in das Suchfeld tippte. Was ihn erwartete, war zwar kein hübsch gefilmter Drohnenflug über malerische englische Ortschaften, aber ein Videoclip der besten neuen Band, die US-amerikanischer HipHop derzeit zu bieten hat. Der Hit trägt den Titel “Gold” und brachte den Mann dazu, gleich einen glückseligen Kommentar zu hinterlassen.

Gold” stammt aus Brockhamptons Debütalbum “Saturation”, das im Juni erschienen ist und dem nur zwei Monate später “Saturation II” folgen sollte. Das ist eine respektable Anzahl von Tracks innerhalb eines Zeitraumes, die manch einem nicht einmal dazu reicht, das Bett frisch zu beziehen und lässt Musikjournalisten hoffentlich von der unter Musikjournalisten beliebten Frage absehen, was die Künstler zwischen dem Erscheinen des letzten und neuen Albums denn so gemacht haben. Wahrscheinlich Musik! Im Fall von Brockhampton war es Musik der Sorte, auf die viele Leute nur gewartet zu haben scheinen und die sie trotzdem unvorbereitet traf. Das kann man zumindest den uferlosen Kommentarspalten unter ihren Videos und Instagram Posts entnehmen, in denen sich Vertreter unterschiedlichster Altersklassen und musikalischer Vorlieben in Entzückung, Fassungslosigkeit und Hysterie überbieten. Zuletzt vor allem deshalb, weil die Band bekannt gab, dass “Saturation III”, das am 15. Dezember erscheint, ihr letztes Studioalbum sein wird.

Ob diese unglaubliche Ankündigung sich tatsächlich bewahrheitet oder es sich dabei vielmehr um gekonntes Marketing handelt, darüber wird von Brockhamptons Fans und solchen, die es gerade erst werden, einigermaßen verzweifelt diskutiert während der restliche Teil des amerikanisch geprägten HipHop-Internets noch darüber zankt, ob Trap den HipHop auf dem Gewissen oder doch eher gerettet hat. Die viel spannendere Frage lautet: Steht Brockhampton ganz kurz vor dem großen Durchbruch? Anzeichen dafür gibt es: “Gold” kann bald drei Millionen views verzeichnen, “Saturation II” stieg zwischenzeitlich in die Charts ein, die ersten Hater sind am haten.

Foto: ASHLAN GREY

Aber von vorne: 2012 tut sich ein junger Mann namens Ian Simpson mit seinem Schulfreund Ameer Vann zusammen, um unter dem Namen AliveSinceForever Musik zu machen. Sie sind da gerade 16 Jahre alt, also 1996 geboren worden, also zu einer Zeit, in der das Internet langsam beginnt, sich in ein menschliches Grundbedürfnis zu verwandeln und Kanye West gerade das College verlassen hat, um sich fortan einer Karriere als Künstler zu widmen, was, wie man inzwischen weiß, eine seiner besseren Ideen war.

Ameer Vann I Foto: ASHLAN GREY

Beides, das Internet und Kanye West, werden in der Geschichte von Brockhampton noch eine tragende Rolle spielen. Bis die Gruppe etwa 14 Mitglieder stark ist und ihre eigene Interpretation dessen vorstellt, was es heißt, eine Boyband zu sein, vergehen jedoch noch ein paar Jahre. Ian Simpson, der sich inzwischen lieber Kevin Abstract nennt, veröffentlicht zunächst zwei Soloalben sowie die achtteilige Dokumentation “American Boyband” und schart nebenbei ein wachsendes Kollektiv junger Künstler um sich, deren vielschichtige Talente ein Plattenlabel überflüssig machen. Sein Vorbild dabei heißt nicht etwa Wu-Tang Clan, sondern Apple. (Ein gewisses Maß an Größenwahn hat noch keinem Rapper geschadet, es bleibt nun abzuwarten, welches von Abstracts Idolen im Verlauf seiner weiteren Karriere den größeren Einfluss gewinnen wird.)

Ian Simpson aka Kevin Abstract I Foto: ASHLAN GREY

Die Mehrheit der Band verbrachte ihre Kindheit und Jugend in Texas. Hier gingen sie zur High School und auf enttäuschende Prom Nights, nahmen Drogen oder dealten damit, machten alltägliche Erfahrungen wie Liebeskummer und Rassismus. All das wurde in Kinderzimmern unter Postern von N.E.R.D., Tyler the Creator, Kid Cudi oder Whitney Houston zu ersten Versen und Beats verarbeitet, während man von einer Zukunft auf denselben Bühnen träumte – ein gemeinsamer Traum. Diejenigen, die das Schicksal nicht nach Texas verschlagen hatte, lernten die anderen über das Fanforum “KanyeToThe” kennen. Musik und Ideen wurden ausgetauscht, bis man schließlich beschloss, dass es an der Zeit sei, das offline und am selben Ort zu tun.

Anfang 2017 zogen etwa 14 Freunde (die Zahl variiert), zu denen neben fünf Rappern auch Sänger, Produzenten, Fotografen, Videoeditoren und ein Webdesigner zählen, gemeinsam in ein Haus nach South Central, Los Angeles. Wohin auch sonst sollte man gehen, wenn man unverschämt jung ist und große Träume hat? Dass Brockhampton nun unter dem Dach eines dieser klassischen flachen Kleinstadthäuser plus Palmen am Straßenrand wohnen, die den meisten ihrer Videoclips als Kulisse dienten, macht das Klischee der hoffnungsfrohen Zugezogenen perfekt. Dass sie hier in kürzester Zeit drei Alben in Eigenregie produzierten, von denen das zweite das erste noch übertreffen sollte und das letzte womöglich mehr Hörer erreichen wird als die anderen beiden zusammen, eher nicht.

Foto: ASHLAN GREY

Warum begeistert diese aufstrebende Band, die sich weder für die ungeschriebenen Regeln erfolgreicher Boybands interessiert, noch dafür, HipHop Crews zu kopieren, die es längst nach oben geschafft haben? Da ist zum Beispiel die Fülle an unterschiedlichsten Stücken, die dennoch alle zu erkennen geben, aus welchem Haus sie stammen. Die meisten Fans lieben Wiedererkennbarkeit. Bei Brockhampton bekommen sie sie, ohne sich darüber langweilen zu müssen. Es gibt oldschoolige Partysongs wie “Gold”, “Heat” und “Junky” zum wütend sein oder wütend werden, “Follow” fürs Autofahren und furchtlose Balladen wie “Face” oder “Summer”, auf denen die Sänger Joba und Bearface im Mittelpunkt stehen – viel zu selten, wie manche beklagen. Ohne falsches Schamgefühl spiegeln Sound und Texte die großzügige Skala sämtlicher Emotionen wider, mit denen man sich als Heranwachsender so gesegnet und gestraft sieht. “Musik für Teenager” denkt dabei nur, wer sich nicht erinnern kann oder in wessen Leben längst Stillstand regiert.

Abgesehen davon ist es natürlich eine ehrenwerte Sache Musik für Teenager zu machen, die sich jetzt darüber freuen, dass es mit Kevin Abstract einen schwulen Rapper mehr gibt, der ins Rampenlicht tritt, dass gute Songs Verse über rape culture enthalten oder ein Mann im Kleid durchs HipHop-Video tanzt, weil er es kann. Das Beste dabei ist: Auf Texte über Goldketten, Drogendeals und aufgeblasene Egos muss trotzdem niemand verzichten. Brockhampton rappen vielleicht anders darüber als viele vor ihnen, aber sie haben offensichtlich nicht weniger Spaß dabei.

Foto: ASHLAN GREY

Nicht nur über die Songs, auch über die etlichen Social Media Kanäle des Teams lässt man die Außenwelt an seinem Tun teilhaben. Das strahlt eine große Nahbarkeit aus, was nicht unbedingt genretypisch ist im HipHop und eventuell deshalb so erfrischend wirkt. In “Dreams Die Young”, einer Kurzportraitreihe, von der man nicht so genau weiß, wer sie veröffentlicht hat, stellen einige der Bandmitglieder sich allein vor und so zeigt man sich bekanntlich anders als in der Gruppe.

Höchstwahrscheinlich ist das Ganze nicht spontan entstanden, etwas zynisch könnte man es sogar als moderne Version der bewährten Boyband-Inszenierung lesen, die beweisen soll, dass bei Brockhampton noch jeder seinen Seelenverwandten findet. Nicht weniger ist es vorstellbar, dass die Nachdenklichkeit, Verwundbarkeit und ungewöhnliche Offenheit, mit der die jungen Männer sich hier zeigen, ganz einfach echt ist. Jay-Z brauchte 20 Jahre, um Texte über die Ehe zu schreiben und sich auf die Couch eines Journalisten zu setzen. Das kann daran liegen, dass Jay-Z sich diesen Striptease erst zutraute, als sein Status so gut wie unantastbar geworden ist. Oder dass Brockhampton der Habitus der erfolgreichen, routinierten und aufmerksamkeitsverwöhnten Künstler momentan noch fehlt. Die Videoclips und Dokumentationen, die die Gruppe bei der Arbeit – was hier ja gleichzeitig zu Hause auf dem Sofa heißt – zeigen, wirken jedenfalls immer ein bißchen so, als wäre gerade eben erst Schulschluss gewesen. Und beinahe stimmt das ja auch. Es gibt im Internet gerade wenig Schöneres zu tun, als den Boys aus dieser Band dabei zuzusehen, wie sie Musik machen und ganz enge Freunde sind. Wer das nicht glaubt, kann jetzt auf Youtube gehen und “brockhampton lamb” in das Suchfeld tippen. Fast möchte man sich wünschen, es könnte immer so bleiben.



von Katharina Böhm

Saturation III erscheint am 15. Dezember

14.12.2017 | Kategorie Musik | Tags , ,