Trauer um David Bowie

Die Ikone ist im Alter von 69 Jahren gestorben. Mit Blackstar veröffentlichte David Bowie noch am Freitag, seinem letzten Geburtstag, das mittlerweile 25. (!) Studioalbum. Wir trauern um die Legende. Live-Reaktionen aus dem Netz zum Trauerfall gibt es hier ► http://goo.gl/Lelz3c

Aus unserem Archiv: David Bowie im Interview

Interview: Du hast viel Aufmerksamkeit erregt mit Dingen, die du gesagt und getan hast. Wie viel davon war Berechnung oder Publicity?

David Bowie: Ich kann ganz gut mit Worten umgehen. Manches bot sich einfach an, und dann habe ich zugegriffen. Wenn jemand behauptete, ich hätte irgendetwas gesagt – und wenn mir die Idee gefiel –, dann habe ich das übernommen. Nur um mal zu schauen, wie die Leute reagieren würden. Ich habe mich schlichtweg bei den Vorstellungen anderer über mich bedient: „Das ist eine gute Idee. So bin ich jetzt mal eine Weile.“ Das hat mich in interessante Situationen gebracht.

Interview: Gibt es einen Teil deiner Karriere, den du hinter dir lassen willst?

Bowie: Nein.

Interview: Wie sehen dich die Menschen heute? Was wirst du am häufigsten gefragt?

Bowie: Ob ich bisexuell bin (lacht).

Interview: Und was antwortest du?

Bowie: Dass die sich um ihren eigenen Kram kümmern sollen. Das ist so eine langweilige Frage. Ich antworte dann: „Wie geht es Ihrer Frau? Sind Sie verheiratet? Schlafen Sie mit Ihrer Frau?“ Das ist so eine Unverschämtheit!

Interview: Na ja, wenn du mal ehrlich bist: Du hast das doch damals selbst hochgespielt …

Bowie: Das war nie mein Ding. Ich habe genau zweimal darüber gesprochen, und die Zitate werden mir immer wieder unter die Nase gehalten.

Interview: Leidest du wirklich an dem Verlust deiner Privatsphäre?

Bowie: Es wird ja immer behauptet, dass ein Star kein Recht auf Privatleben hat, aber das ist Quatsch. 90 Prozent des Jahres lebe ich komplett anonym. Das ist ganz leicht, denn es gibt zwei Arten, die Straße entlangzugehen: Man will erkannt werden, oder man will es eben nicht. Und dann wird man auch nicht erkannt. Ich habe das irgendwann begriffen und anderen Leuten beigebracht.

Interview: Ist es nicht toll fürs Ego?

Bowie: Erkannt werden? Davon hat mein Ego mehr als genug bekommen. Damit bin ich fertig. Natürlich hat es geholfen, meine Haare nicht mehr rot zu färben.

 

Interview: Ja, worum geht es da eigentlich?

Bowie: Ich empfinde die Kategorie Punk als total beengend. Sie schränkt ein paar potenziell sehr originelle Menschen total ein. Für mich ist das eine Bewegung, die noch auf der Suche nach einem Thema ist, so ähnlich wie die Konzeptkunst in den Sechzigern. Man kann darüber theoretisieren, aber man kann es nicht erleben. Und es gibt vieles, was man einfach nicht in eine Schublade stecken sollte. Elvis Costello Punk zu nennen ist zum Beispiel idiotisch. Tatsächlich ist er der Bruce Springsteen von London. Die gleichen Effekte, die gleichen Akkordwechsel.

Interview: Möchtest du noch mehr Kinder?

Bowie: Ja, auf jeden Fall. Aber nicht als Selbstbestätigung. Ich brauche keine weiteren eigenen Kinder. Ich würde sie adoptieren. Ich habe ein Wunschkind, und das reicht als Beweis. Jeder Mann will zeigen, dass er einen Sohn zeugen kann.

Interview: Meine Güte, David …

Bowie: Ist doch wahr. Aber alle weiteren leiblichen Kinder sind einfach purer Luxus, und ich würde wirklich gern welche adoptieren. Ich bin wahnsinnig gern mit Kindern zusammen. Ich mag ihren Humor. Drei Kinder sind mir lieber als alle Punkbands zusammen.

Interview: Was will Zowie aus seinem Leben machen?

Bowie: Derzeit will er Mathematiker werden. Der wird sich später um meine Kohle kümmern und darauf achten, dass niemand mich abzieht. Wenn bis dahin noch etwas übrig ist …

Interview: Was wirst du auf der kommenden Tournee machen?

Bowie: Das könnte schwierig werden, weil ich keine Rolle habe, in die ich schlüpfen kann. Schon beim letzten Mal ging es weniger um eine Kunstfigur, sondern darum, eine Atmosphäre zu schaffen. Vielleicht lächle ich diesmal. Ich lasse meine Zähne in Ordnung bringen und lächele viel.

Interview: Sind die nicht schon repariert worden? Bist du eine Diva? Die Menschen, die für dich arbeiten, scheinen dir sehr ergeben zu sein …

Bowie: Was willst du andeuten? Dass ich wie Machiavelli bin? Ich bin nicht das Mastermind, für das die Leute mich halten.

Interview: Warum glauben das die Leute?

Bowie: Weil alles, was ich tue, sehr erfolgreich ist. Vielleicht bin ich kein großer Manipulator, sondern einfach gut. Aber darauf kommen die Leute meistens nicht. Ich dagegen glaube an meine künstlerischen Fähigkeiten. Auch wenn mir nicht alles gefällt, was ich mache.

Interview: Was magst du im Nachhinein nicht mehr?

Bowie: Also, Aladdin Sane ist nicht besonders gelungen. Diamond Dogs ist fantastisch, noch immer eines meiner Lieblingsalben. Manches von Station To Station ist okay. Bei Young Americans weiß ich auch nicht so recht. Oder doch. Spiele ich das Album auf Konzerten? Nein. Also mag ich es wahrscheinlich nicht. Ich mag fast alles auf Ziggy Stardust, ich mag alles auf Low und alles auf Heroes außer The Secret Life Of Arabia, das ich ans Ende gestellt habe, weil mir nichts mehr einfiel. Pin Ups war eine dumme Atempause …

 

Dieses Gespräch zwischen David Bowie

und Lisa Robinson erschien 1978

in der Juni-Ausgabe von Interview.

Im Jahr zuvor hatte bowie sein Album

Heroes veröffentlicht

Er ist Musikgeschichte: David Bowie (68) hat schon so viele Facetten von sich gezeigt, dass jede weitere nur eine Reminiszenz an sich selbst ist. So auch im neuen Video zu Lazarus, der Singelauskopplung aus seinem mittlerweile 25. Studioalbum Blackstar.

Sehen Sie das Video zur Single hier.

08.01.2016 | Kategorien Künstler, Musik | Tags , , , , , , , ,

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