GIORGIO MORODER
"Oboe? Oboe, klar, hier ist die Oboe!"

Der große Giorgio Moroder veröffentlicht nach 30 Jahren endlich wieder ein Album. Dabei: Kylie Minogue, Britney Spears – stellen Sie die Discoschorle kalt.

© Universal

Nach Jahren auf dem Golfplatz wurde er von Daft Punk ­zurück ins Bewusstsein gezerrt: Giorgio MoroderEnt­decker von Donna Summer, Begründer des Munich Sound of ­Disco, Filmmusikkomponist von Weltrang, dreifacher Oscar-Preisträger, ausgezeichnet mit vier Grammys, Produzent von Künstlern wie David Bowie, Barbra Streisand, Blondie und Elton John und seit Neuestem, mit 74 Jahren, auch gern ­gebuchter DJ. Jetzt steht sein erstes Album seit 30 Jahren kurz vor der Veröffentlichung – Harold Faltermeyer hat ihn für uns interviewt.



Harold Faltermeyer: Ich freue mich wahnsinnig, dass du dich deiner wohlverdienten Rente entziehst und es noch einmal mit einem neuen Album anpackst.

Giorgio Moroder: Ja, ich war ja schon fast zurückgetreten und habe viel Golf gespielt und hundert andere Sachen gemacht. Aber wie es so im Leben passiert, haben mich zu meiner großen Überraschung Daft Punk wiederentdeckt und Giorgio by Moroder mit mir aufgenommen. Der Song wurde ein Riesenerfolg, also mehr für Daft Punk als für mich, aber ich bin ziemlich gut auf der Welle mitgeschwommen. Dann wurde ich plötzlich als DJ gebucht, und wenig später kam das Angebot, wieder eine Platte aufzunehmen. Und diese Platte stelle ich gerade fertig.

Faltermeyer: Ich habe mir das Stück mit Kylie Minogue angehört und finde ganz toll, wie du erkannt hast, welche Sounds gerade en vogue sind. 

Moroder: Danke, danke!

Faltermeyer: Aber wie fing es bei dir an? Wo bist du geboren?

Moroder: Geboren bin ich in Italien, in Südtirol, und habe da auch eine lange Zeit gelebt. Später bin ich als Musiker durch Europa getingelt – also durch die Schweiz, Deutschland, Schweden – und durch Zufall in Berlin gelandet, wo ich eine Tante hatte. In Berlin haben mir die Musikverleger Peter und Trudy Meisel das Angebot gemacht, für sie zu komponieren. Den ersten Hit hatte ich 1967 mit Ich sprenge alle Ketten, den Ricky Shayne gesungen hat. Erinnerst du dich an den Jungen?

Faltermeyer: Ja, sehr gut sogar.

Moroder: Ein anderer großer Erfolg, mit dem ich angefangen habe, gut zu verdienen, war Mendocino mit Michael Holm. Vor drei, vier Jahren bin ich mal nach Mendocino rausgefahren, die Stadt liegt ja in Kalifornien, und habe dort ein paar Fotos gemacht – war ganz interessant. Na ja, 1969 oder ’70 bin ich jedenfalls nach München gezogen und habe all die Musiker kennengelernt, aus denen dann später das Projekt Munich Machine wurde. Du warst zunächst noch nicht dabei.

Faltermeyer: Ja, aber ich habe das aus der Ferne beobachtet. Ich habe damals bereits in München gearbeitet, nur wenige Kilometer von euch entfernt. Mir wurde immer berichtet, was für hippe Musik ihr im Musicland Studio macht, während ich damit beschäftigt war, Schlager zu arrangieren – das war natürlich nie so mein Ding. Also habe ich mit -großen Ohren zu euch hinübergehorcht und mir gedacht: „Na ja, – vielleicht klappt es irgendwann einmal, dass wir uns kennenlernen.“

Moroder: Ja, das hat ja dann auch gut funktioniert. Aber vorher habe ich noch zusammen mit Pete Bellotte die Donna Summer entdeckt. Erst hatten wir zwei kleinere Hits (The Hostage, Lady of The Night), und dann kam Love to Love You Baby. Das war mein erster großer internationaler Erfolg und auch der erste von Donna.

Faltermeyer: Genau.

Moroder: Eines Nachts hat mich dann Neil Bogart, der Chef von Casablanca Records, angerufen und gefragt, ob ich aus dem Drei-Minuten-Song nicht eine lange Version machen könnte. Ich hielt das sofort für eine großartige Idee. Zumal ich dadurch mit nur einem Song gleich die komplette A-Seite eines Albums füllen konnte.

Faltermeyer: Love to Love You Baby war doch sowieso der erste Song, der in seiner long version so erfolgreich war, oder?

Moroder: Ja, aber wir haben das Lied nicht nur verlängert, sondern weitere Stücke im Stil von Love to Love You Baby komponiert und sie ohne Pause ineinander übergehen lassen. In den 17 Minuten des Songs steckten dann mehr oder weniger drei bis vier neue Lieder. Das lief ununterbrochen in den Diskotheken, was zur damaligen Zeit ein absolutes Novum war. Das hat das Lied dann auch ins Radio gebracht.

Faltermeyer: Der Song hat wirklich eine ganze Ära getriggert. Damals fing es auch langsam an, dass DJs verschiedene Songs ineinander mixten. Im Grunde hat Love to Love You Baby die Clubkultur, wie wir sie heute kennen, eingeläutet.

Moroder: Damals hatten wir, was die Produktionsbedingungen anging, überhaupt eine wunderbare Zeit. Man ging ins Studio, machte mit den Musikern die Aufnahmen, dann kam die Sängerin rein, am nächsten Tag die Streicher, hinterher der Chor – das läuft heute natürlich anders. Heute ist es auch interessant, aber damals war es schon besonders. Ich erinnere mich noch an eine Sache, wie wir in L. A. im Rusk Studio waren, das gibt es übrigens immer noch …

Faltermeyer: … ja, genau, bin vor Kurzem dran vorbeigefahren …

Moroder: … jedenfalls weiß ich noch, dass ich mit der Donna ein Lied aufgenommen habe, und ihr, also du, der Pete (Bellotte) und der Keith (Forsey), in einen anderen Raum gegangen seid. Und nach einer halben Stunde wart ihr zurück und meintet: „Wir haben einen Hit!“ Wie hieß der doch gleich?

Faltermeyer: Das war Hot Stuff.

Moroder: Stimmt. Wir haben dann gleich die Backing-Tracks auf-genommen, und am nächsten Tag hat Donna den Song gesungen. Es gab ein Arrangement, es gab den Text, so funktioniert es heute nicht mehr.

Faltermeyer: Auch im Musikbusiness gab es so etwas wie eine „gute alte Zeit“, und die war Ende der 70er- und Anfang der 80er-Jahre. Da war für uns die Welt noch in Ordnung. Wir haben auch unendlich viele Platten verkauft. Ich erinnere mich, wie ich mit Keith, als Donnas Bad Girls-Album auf den Markt kam, bei Tower Records war und das Album palettenweise in den Laden reingekarrt wurde. Die Leute haben sich um das Ding gerissen – das gibt es heute nicht mehr.

Moroder: Aber mit Musik kann man immer noch gut verdienen.

Faltermeyer: Natürlich.

Moroder: Und Ende der Siebziger waren wir bereits alle in Los Angeles. Nachdem ich 1977 mit Donna I Feel Love nur mit Synthesizern produziert hatte, rief mich Alan Parker an und fragte, ob ich den Soundtrack für seinen Film Midnight Express komponieren könnte. Alles, was er wollte, war ein Stück im Stil von I Feel Love mit einem galoppierenden Bass. Daraufhin habe ich Chase geschrieben. Den Soundtrack haben wir noch in München im Musicland aufgenommen.

Faltermeyer: Das war unsere erste Zusammenarbeit.

Moroder: Genau. Und der Alan Parker ist dann nach München zum Abmischen gekommen, das war an einem Sonntagnachmittag, und wenn ich mich recht erinnere, waren wir mit dem Abmischen bereits nach ein paar Stunden fertig. Irgendwann sagte Alan dann: „An dieser Stelle könnte ich mir gut eine Oboe vorstellen.“ Und du: „Oboe? Oboe, klar, hier ist die Oboe!“ Er war ziemlich überrascht, weil er davon ausging, dass wir im Telefonbuch erst mal nach einem Oboisten suchen würden.



Das gesamte Interview lesen Sie in unserer April-Ausgabe.

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