Club, Kids!

Vor zwei Jahren gründete DJ Ghazal mit einem Freund in Stockholm das Label „Staycore“ – drumherum bildete sich eine Crew, die über ganz Europa verteilt ist und die modernste Dancemusic unserer Zeit veröffentlicht. Global Informiert, stilistisch weit gefächert, herausfordernd und kunstvoll ist dieser Sound. Und brutal tanzbar!

Dj Ghazal | Foto: Fredrik Andersson Andersson

Interview Ghazal, um ein guter DJ zu sein, muss man wissen, wie eine Party funktioniert, und das Gefüge der Clubwelt erkunden. Wann begann Ihr Unterricht?

DJ Ghazal Verdammt früh. Ab der achten Klasse fing ich an, in Clubs zu gehen. Alle meine Freunde waren damals gay, auch wenn ich es nicht bin. Aber das waren einfach die interessanteren Leute. Die Gay-Szene in Schweden war relativ klein, und sie traf sich in Clubs für elek­tronische Dancemusic. Clubbing war also unausweichlich.

Interview Was haben Sie von dieser Szene gelernt?

DJ Ghazal Erst einmal dass es kein Problem ist, anders zu sein, dass es keine Grenzen im Ausdruck seiner selbst gibt. Clubs sind Horte dieser Freiheit, deswegen mag ich sie so. Und dann kam ich durch sie das erste Mal mit House und Techno in Berührung. Das war eine neue Welt für mich. Davor habe ich nur HipHop und Pop gehört. Für meine musikalische Entwicklung war das sehr wichtig.

Interview Ihre Eltern sind aus dem Iran, Sie wuchsen in Göteborg auf. Warum sind Ihre Eltern geflohen?

DJ Ghazal Sie waren Kommunisten und mussten nach der Islamischen Revolution fliehen, weil das Regime sie verfolgte. Ihr Leben war bedroht.

Interview Welchen Einfluss hat­te dieser Hintergrund auf Sie?

DJ Ghazal Ich wuchs bei meiner Mutter auf. Sie ist sehr weise und politisch immer noch sehr interessiert. Politik spielte also in meinem Leben früh eine Rolle. Musik bekam ich von meiner Mutter weniger vermittelt. Trotzdem war sie für meinen Weg zur Dancemusic wichtig. Denn sie erlaubte mir auszugehen. Als ich 16 Jahre alt war, wurde ich mit einem gefälschten Pass erwischt. Ich hatte Angst, dass die Party jetzt vorbei wäre. Aber sie zahlte die Strafe, und das war’s. Sie ließ das Tor in die Clubwelt weiter offen.

Interview Ist Staycore ein politisches Label?

DJ Ghazal Nun, wir sind schon allein durch unsere Zusammensetzung politisch. Viele Frauen, was in der Clubmusik ja eher ungewöhnlich ist, unterschiedliche Hautfarben und sexuelle Präferenzen, das Spiel mit Geschlech­tergrenzen. Das war alles so nicht geplant, wir wuchsen organisch, ohne größeren Plan, zusammen. Direkte politische Statements sind nicht unser Fall. Wir als Crew sind das Statement. Das reicht.

Interview Wie haben Sie sich eigentlich gefunden? Die Mitglieder von Staycore sind ja über ganz Europa verteilt.

DJ Ghazal Die Basis sind DJ Dinamarca und ich in Stockholm. Dinamarca suchte damals ein Label, bei dem er seine Musik rausbringen und mit dem er sich identifizieren konnte. Aber er fand keines. Also gründeten wir einfach unser eigenes. Seitdem macht unser Freund DJ Alx9696 auch das Grafikdesign. Die anderen fanden wir auf Soundcloud.

Interview Die Stile der Staycore-Crew sind recht unterschiedlich. Die 18-jährige Toxe produziert unglaublich harschen, dreckigen Sound, Mechatok aus Berlin ist eher emotional und sanft. Wie würden Sie Ihren eigenen Stil beschreiben?

DJ Ghazal Ich spiele nicht so hart wie Toxe, aber integriere immer wieder Tracks von ihr in meine Mixe. Insgesamt würde ich sagen, dass ich tanzbaren Sound auflegen will, der die Leute nicht verstört, sondern anregt. Jeder Mix ist eine Miniatur meiner Gefühlswelt, ein Ausdruck der jeweiligen Zeit meines Lebens. Musik ermöglicht mir, eine Verbindung mit mir einzugehen. Und die Tracks und Songs, die mir das erlauben, tauchen dann auch wieder in meinen Mixes auf.

© Fredrik Andersson Andersson

Interview Staycore-Mixes versammeln Clubmusik aus der ganzen Welt. Reisen Sie den Tracks auch manchmal hinterher?

DJ Ghazal Die Künstler, die wir auf unseren Label-Mixes präsentieren, finden wir online und fragen sie nach exklusiven Tracks, die sie nur für den Mix produzieren. Wir reisen dafür also nicht in die Länder und klappern Szenen ab. Aber wir sind schon unterwegs. Von November bis Fe­bruar waren wir in Brasilien, Chile und Kuba.

Interview Haben Sie da aufgelegt?

DJ Ghazal Ja, in São Paulo haben wir erst auf einer kleinen Party gespielt, wo sich all die süßen Leute der Szene versammelten. Und dann, nach ein paar anderen Gigs, wurden wir für eine riesige Porno­party gebucht. Es gab andauernd Shows mit Livesex, unzählige Darkrooms, die meisten Leute waren nackt. Bizarr. Keine Ahnung, über welche Umwege wir da gelandet sind. Aber es war eine beeindruckende Erfahrung. Überhaupt muss ich ­sagen, dass ich in Brasilien auf den besten Partys meines Lebens war.

Interview Inwiefern?

DJ Ghazal Die Baile Funks, also die Partys der brasilianischen HipHop-Variante, haben mich weggeblasen. Die feiern ohne Handbremse. Einmal sahen wir DJ Caaio Doog, einen der Stars dort. Er spielte nur Instrumentals ohne Raps, die Leute sind ausgetickt und mich hat es weggetragen.

Interview Wie oft sind Sie im Iran, dem Heimatland Ihrer Eltern?

DJ Ghazal Öfter. Ich liebe das Land. Es hat alles. Wüste, Meer, Berge, Wasser, Schnee. Die Leute sind unglaublich freundlich, das Essen hervorragend, aber es ist natürlich auch ein seltsamer Ort mit den strengen religiösen Regeln, sehr strikt und geschlossen. Das kann einen auch abstoßen. Mein Freund mochte das Land zum Beispiel überhaupt nicht.

Interview Haben Sie im Iran auch Musik gefunden, die Sie auflegen würden?

DJ Ghazal Eher nicht. Es gibt zwar eine Szene für elektronische Musik, aber sie ist sehr klein und schwer zu finden, weil im Iran jegliche Musik aus dem Westen verboten ist. Trotzdem werden im Untergrund Partys veranstaltet. Die Musik dort ist nicht besonders weit vorn, ich habe nichts Interessantes gefunden, aber die Partys sind intensiv, wie ein Tanz am Abgrund, weil ständig die Polizei auftauchen könnte, und das ist dann kein Spaß. Die bringen einen nicht gleich um, aber man bekommt massive Probleme.

Interview Wie laufen diese ­Partys ab?

DJ Ghazal Sie werden von den Rich Kids organisiert. Meistens finden sie in den Sommerhäusern ihrer Eltern auf dem Land statt. Man erfährt davon über Mundpropaganda, und dann wird ausgelassen gefeiert. Ich fand es immer toll dort und hatte komische Erlebnisse. Auf einer Party etwa stand der DJ mit dem Rücken zum Publikum. Ich fragte einen Freund, warum er sich denn nicht umdreht und in Richtung Publikum spielt. Und er: „Warum, wir machen es wie bei den DJ-Gigs von Boiler Room auf YouTube.“ Er verstand nicht, dass es dort nur so ist, weil die DJs sich in Richtung Webcam drehen, er dachte, dass das die normale Haltung eines DJs ist, dem Publikum den Rücken zu zeigen. Sie kennen eben keine Clubs, Clubbing ist für sie Boiler Room. Bizarr, aber auch deswegen mag ich den Iran so gern.

Interview Und wo ist Ihre Heimat? Dort oder in Schweden?

DJ Ghazal Schwierig. Ich bin iranischer Herkunft, aber ich habe mein ganzes Leben in Schweden verbracht. Ich fühle mich schwedisch, aber nicht dort zu Hause. Denn meine ganze Familie lebt im Iran. Ich bin ein bisschen zerrissen, wie so viele in einer ähnlichen Situation.

von Bendikt Sarreiter

26.10.2016 | Kategorien Interviews, Magazin, Musik | Tags , , ,

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