"Ich war nie ein akzeptabler Popstar"

Clubmusik und Kapitalismuskritik gehen für sie genauso gut zusammen wie bunter Lidschatten und politische Ansage: M.I.A. ist der widerspenstigste Popstar ihrer Zeit. Nachdem sie eine Dekade lang von einer Kontroverse in die nächste jagte, gibt sie sich heute fast friedfertig.

© Universal

M.I.A. hat sich schon mit jedem gestritten. Weil sie beim Superbowl den Mittelfinger in die Kamera hielt, wollte die National Football League sie in Grund und Boden klagen. Mit dem amerikanischen Milliardenerben Benjamin Bronfman stritt sie um das Sorgerecht für den gemeinsamen Sohn, mit der New York Times steht sie genauso auf Kriegsfuß wie mit Google und der sri-lankischen Regierung. In die USA darf sie nicht einreisen, dafür performt sie mit Julian Assange. Ganz nebenbei ging Mathangi Maya Arulpragasam auch noch dem Pop an Kragen.

Als Kind kam sie aus Sri Lanka nach Großbritannien, wo sie die Londoner Subkultur entdeckte, am Central Saint Martins studierte und eher zufällig begann, Musik zu machen. Aus aggressiven Beats, Drum-Maschinen und ihrer Stimme schuf sie eine Mischung aus Hip-Hop, Elektro und Worldbeat-Agitprop, der so neu klang, dass Stars wie Madonna umgehend mit ihr arbeiten wollten. Was wiederum M.I.A. nicht davon abhielt, Madonna mit besagtem Superbowl-Mittelfinger zu verärgern. Widersprüche gibt es bei ihr ohnehin nicht: Clubmusik und Kapitalismuskritik gehen genauso gut zusammen wie bunter Lidschatten und politische Ansage. Gerade ist M.I.A.s neues Album AIM erschienen. Es ist: überraschend friedfertig. Für ihre Verhältnisse.

 

Interview Ihr neues Album klingt viel zugänglicher als die Vorgänger. Woher stammt der neue Optimismus?

M.I.A. Ich wollte diesmal einen universelleren Ansatz – wow, ich lebe! AIM dürfte tatsächlich mein optimistischstes Album sein. Ich schätze, ich habe mich endlich damit abgefunden, dass ich nicht in die Musikindustrie passe. Da ist Diversität nicht angesagt, alle sollen gleich sein. Das habe ich jetzt begriffen. Vielleicht sollte ich etwas anderes machen.

Interview Heißt das, dass Sie Schluss machen mit der Musik?

M.I.A. Nun, ich will nicht direkt sagen, dass ich aufhöre. Aber ich bin immer noch die einzige braune Frau in der Musikindustrie. Als ich anfing, dachte ich, ein paar Jahre später würde es hunderte Künstlerinnen wie mich geben. Was bekanntlich nicht der Fall ist. Vielleicht gibt es mehr gleichgesinnte Menschen in der Kunst oder beim Film.

Interview Immerhin haben Sie eine Weltkarriere in der Musik hingelegt.

M.I.A. Aber ich habe nie irgendwo reingepasst. Nicht in die asiatische Community oder die weiße oder die schwarze. Zayn Malik, mit dem ich die Single Freedun aufgenommen habe, ist einer der einzigen Künstler mit einem ähnlichen Hintergrund. Es ist keine einfache Zeit, um außerhalb der kulturellen Mode zu stehen.

Interview Als Kind kamen Sie als Flüchtling nach London. Wie haben Sie diese Zeit erlebt?

M.I.A. England war vor allem sehr ruhig. In Sri Lanka wurde man beschossen, in England hat es niemanden interessiert, ob man Tamile ist. Ich kam von einem Ort, der sehr lebhafte und bunt, aber auch sehr chaotisch ist. Damit meine ich nicht mal den Krieg, sondern die Kultur. In London wurde ich dann nach einem Regelkatalog beurteilt, von dem ich keine Ahnung hatte. Meine Mutter sprach kein Englisch und hat sich kaum getraut, ihre Meinung zu sagen, was das Navigieren im bürokratischen System noch schwieriger gemacht hat. Ich habe mit der Schule angefangen, als wir noch in Hostels wohnten.

M.I.A. Album "Aim" ist bei Universal erschienen

Interview Wie sehr hat Sie das als Teenager beeinflusst?

M.I.A. Ich komme zum Glück aus einer großen Familie, das hat mir geholfen. Mein erster Urlaub bestand darin, meine Onkels und Tanten in Deutschland zu besuchen. Ich fuhr allein mit meiner Schwester, es war das erste Mal, dass ich mich erwachsen und unabhängig fühlte. Natürlich war es auch total aufregend, Ende der Neunziger ein Teenager in London zu sein. Es war eine gute Zeit in der Musik und in der Mode, es gab sehr viel kreativen Raum. Alle meine Freunde hatten einen ähnlichen Musikgeschmack. Das hat es mir einfach gemacht, mich auszudrücken. Ich habe praktisch durch die Musik Englisch gelernt.

Interview Sie sind immer wieder mit Ihren politischen Aussagen angeeckt. Wären Sie heute ein größerer Star, wenn Sie weniger offen gewesen wären?

M.I.A. Das haben mir zumindest immer alle gesagt. Ich war nie ein akzeptabler Popstar. Irgendwann kam der Punkt, an dem ich entscheiden musste, ob ich einer sein will oder nicht. Und ob ich dafür die Politik aufgebe. Was ich nicht getan habe. Interessanterweise ist es ja jetzt in Mode, sich im Popgeschäft politisch zu äußern, was natürlich wunderbar ist. Aber mir hat es echte Probleme bereitet. Ich habe um das Sorgerecht für meinen Sohn gekämpft, ich hatte Probleme mit der National Football League, den amerikanischen Einwanderungsbehörden und jedem, den man sich vorstellen kann. Deswegen ist das Album Matangi, das in dieser Zeit entstanden ist, auch sehr hart. Diese Jahre in meinem Leben waren die Hölle.



Von: Frauke Fentloh

23.09.2016 | Kategorien Interviews, Musik | Tags , , , , ,