Die Brillanz
der Anti-Party

Pyur stand mit 16 Jahren auf der Bühne des Watergate in Berlin und hat jetzt, acht Jahre später, eines der besten Ambient-Alben der Vergangenen Jahre veröffentlicht. Es ist warm, direkt, sorgfältig arrangiert und besonders. Das liegt an Pyurs Wissen über Synthesizer und an einer geheimen Zutat.

Fotos © Nadine Fraczkowski

Welches Gesicht sich wohl hinter den Beats, Cuts und Bässen verbirgt? Welcher Mensch? Besonders bei elektronischer Musik liegt man beim Entschlüsseln dieser Frage oft falsch, weil sie jeglichen Hinweis auf einen Charakterzug verzerrt, den Originalsound, sei es Stimme, Gesang oder eine angeschlagene Gitarrensaite, zerhackt. Maschinen sind das Bindeglied zwischen Musiker und Publikum. Der übertragene Sound ein undurchsichtiges Gebilde.

Pyur zum Beispiel könnte eine erfahrene Techno-Produzentin aus Genf sein, die müde vom Clubsound ist und nun ihr Wissen für die sanfte Härte der Ambientmusic nutzt. Es könnte aber auch ein neues Pseudonym von Aphex Twin sein, der auf die übliche Hektik verzichtet und softer und orchestraler arrangiert. Oder ein klassischer Komponist, der lange mit seiner Synthesizersammlung herumgespielt hat und sich jetzt traut, sein komplexes, geheimes Werk zu veröffentlichen. In den Südblock, ein Café am Kottbusser Tor, kommt aber an einem bleigrauen Herbsttag eine junge Frau zum Interview. Schwungvoll, groß, präsent. „Ich bin hier erst mal vorbeigelaufen, manchmal übersehe ich Dinge und verirre mich“, sagt Sophie Schnell, wie Pyur eigentlich heißt, legt ab, bestellt und erwartet lächelnd die erste Frage. Ihr Debütalbum Epoch Sinus ist mit so sicherer Hand komponiert, so ausgereift und eindringlich, so wenig verirrt, dass man einen erfahrenen Musiker dahinter vermutet. Wann hat sie begonnen, sich mit Musik zu beschäftigen? „Mit sechs oder sieben Jahren war ich in einem Musikladen, und da standen Typen rum, die ich cool fand. Mit engen Hosen aus Leder und Shirts mit Tigerprint. Sie sagten, es sei schade, dass so wenige Mädchen Gitarre spielen würden. Und ich dachte mir: Das wird sich jetzt ändern“, sagt sie mit einem hellen Lachen, das das Gespräch immer wieder begleiten wird. Sie nahm Unterricht, wollte aber nicht die Lieder von anderen spielen, sondern eigene, und zwang ihren Gitarrenlehrer („Der Arme!“), mit ihr zu komponieren. Mit elf nahm sie erste Stücke auf einem Boss BR-1200CD auf, einem Harddisc-Rekorder, der über eine Reihe von Effekten verfügt. Jedes Jahr wünschte sie sich Synthesizer zu Weihnachten. Es waren die ersten Schritte auf dem Weg zum Sound von Pyur: scharf zerschnittene, dunkle Ravewolken, darüber Glitzernd-Tropfendes, kosmisches Sirren, ungerade Percussion, viel Hall, nichts für den Dancefloor, sondern für die Couch, die U-Bahn, für Reisen.

Fotos © Nadine Fraczkowski

Zunächst machte Sophie Schnell aber nach einer kurzen Folk-Phase Elek­tropop mit Gesang. Sie hat eine tolle Stimme, die sie wohl von ihrer Mutter, einer Opernsängerin, in die Wiege gelegt bekam. Und vor acht Jahren, mit 16, stand sie dann plötzlich mit Oliver Koletzki auf der Bühne des Berliner Clubs Watergate. Der House-Hitmeister hatte einen Track von ihr auf Myspace entdeckt, produzierte ihn neu und nahm ihn auf eines seiner Alben. These Habits wurde ein kleiner Hit mit fast 1,5 Millionen Views bei You­Tube, und Sophie Schnell durfte das erste Mal nach Berlin fahren. Sie kommt eigentlich aus München. Auf einmal war sie bekannt. „Ich hätte damals gar nicht im Watergate sein dürfen, ich war ja noch minderjährig. Aber es ist niemandem aufgefallen. Ich hatte in Berlin das erste Mal das Gefühl, ich könnte alles sein, was ich will. Auch ein Penner, wenn es sein muss.“ Mittlerweile ist sie längst umgezogen. München ist zu gemütlich geworden. „Ich sauge das, was ich erlebe, in mich ein, und wenn ich dann alles aus einer Umgebung eingesaugt habe, muss ich weiter. Ich habe immer Fernweh.“ Auch Berlin hat schon ein wenig an Faszination eingebüßt. Bald geht Sophie Schnell mit ihrem Freund, dem neuseeländischen Musiker Fis, der wie sie fern von Genres und Szenen arbeitet, für sechs Monate nach Saragossa. „Wir haben dort eine Artist Residency und erforschen die schamanistische Musikkultur. Das passt ganz gut, denn ich bin ja auch Schamanin.“ Wie, Schamanin? Man denkt zuerst, etwas falsch verstanden zu haben. Aber sie hat es tatsächlich gesagt. „In meiner Familie gibt es davon einige. Die weibliche Linie scheint da empfänglich zu sein. Meine Mutter, meine Tante, meine Cousine arbeiten mit Klienten und ich mit Musik.“

Fotos © Nadine Fraczkowski

Vor etwa drei Jahren habe sie gemerkt, dass sie die Gabe besitzt, sich in trance­ähnliche Bewusstseinszustände zu begeben, durch Meditation in andere Sphären zu reisen, eine Offenheit für die Welt hinter der Welt zu haben. Die Musik, die sie von da an komponierte, half ihr, dieses Talent auszudrücken. Sie floss regelrecht aus ihr heraus und wurde zu dem Album, das gerade erschienen ist. Es ist arrangiert wie klassische Musik, Sophie Schnell variiert Themen, bricht sie mit Donnerhall ab und nimmt sie wieder auf. Wagner, Beethoven und Manuel De Falla sind ihre Lieblingskomponisten, sie haben alle Einfluss auf den Sound von Pyur. Aber auch Minimal House und Techno. Und darunter legt Sophie Schnell dann noch einen feinstofflichen Bestandteil, eine secret ingredient sozusagen. Sie und ihr Freund Fis nehmen mit Mikrofonen die Atmosphäre auf, während sie meditieren. Was hört man da? „Absolut nichts, aber man spürt es, was schon irgendwie magisch ist. Es ist wie verdichtete Luft, wie Elektrizität in verschiedenen Farben. Man spürt Wärme oder Euphorie, Schwingungen. Besonders wenn man die Musik laut hört.“ Es ist ein ungewöhnlicher Zugang. Sophie Schnell will dadurch ihren Schamanismus an unsere Kultur anschließen, an Rituale, die uns vertraut sind wie Musikhören und die nichts mit dem Klischee des herumtanzenden, Rassel schwingenden Ethno-Schamanen zu tun haben. Ungewöhnlich ist auch, dass ein spirituelles Album wie Epoch Sinus bei Hotflush Recordings erscheint, einem Label, das auf Dancemusic spezialisiert ist und sonst Platten von Mount Kimbie, Paul Woolford oder Labelgründer Paul Rose aka Scuba veröffentlicht.

Fotos © Nadine Fraczkowski

Doch das ist Sophie Schnells Hintergrund, als DJ legt sie selbst gradlinigen Sound für die Tanzfläche auf und mischt ihn mit Naturgeräuschen und Ambient. Und Paul Rose ist so etwas wie ihr Entdecker. Sie war schon immer Fan von Hotflush. Vor drei Jahren schrieb sie ihm nach einer Labelnacht im Münchner Bob Beaman, ob er nicht Vocals von ihr gebrauchen könnte. Konnte er, seitdem arbeiten sie zusammen. Mittlerweile entwirft sie auch die Coverdesigns für Hotflush. Denn ein weiteres Talent von Sophie Schnell ist die Malerei, außerdem hat sie zum Album Videoclips veröffentlicht, die wie ihre Musik von abstrakter und flimmernder Schönheit sind. Es ist schon erstaunlich. Alles, was die 24-Jährige anfasst, hat eine Wucht und Ernsthaftigkeit, die man nur selten findet. Es wäre interessant, was dabei herauskommen würde, wenn sie mal einen House- oder Dubstep-Track produzierte. „Ach, das habe ich schon probiert. Aber das klang dann sehr nach düsterer Party auf dem Saturn. Das sollen lieber Leute übernehmen, die das wirklich können.“ Düstere Party auf dem Saturn klingt doch auch nicht schlecht. Sie werde aber eher immer abstrakter als konkreter, sagt sie noch. Sie möchte lieber mit Sounds experimentieren, das wusste sie schon mit 16, als sie neben Oliver Koletzki im Watergate auf der Bühne stand. Das war Pop und es war schön, aber die Oberfläche war nur der erste Schritt. Sophie Schnell wollte schon immer tiefer gehen.

Von: Benedikt Sarreiter

16.01.2017 | Kategorien Essay, Musik, Tipp | Tags , , , ,

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