Mit Malewitsch gegen Selfies

Foto: Anti-Selfie-Club

Schwarze Leere statt Individualität: Mitglieder des Anti-Selfie-Clubs hinterfragen das Konzept Selfie, indem sie ihre Gesichter mit schwarzen Kreisen, Quadraten und Kreuzen bedecken.

Die Selfiemanie zieht immer weitere Kreise, sekündlich fluten massenhaft selbst inszenierte Porträts das Netz. Jetzt gibt es eine Gegenbewegung, die das herkömmliche Selfie sabotiert – und zwar mit geometrischen Kreisen und Quadraten à la Kasimir Malewitsch.

Dem Anti-Selfie-Club kann jeder beitreten, indem er die Website aufruft, per Webcam ein Foto von sich schießt, hochlädt und sein Gesicht anschließend mit einer geometrischen Fläche „löscht“ – fertig ist das Anti-Selfie. Die Gesichter der Abgebildeten werden nun von schwarzer Leere überdeckt, die Personen damit ihrer eigentlichen Identität beraubt.

Der Club zählt mittlerweile über tausend Mitglieder und täglich werden es mehr. Doch warum erfährt die Bewegung so immens großen Zulauf? Das Spiel mit farbigen und geometrischen Flächen ist doch ein wiederkehrendes Motiv in der Kunst und geht bekanntermaßen auf den russischen Konstruktivisten und Avantgarde-Künstler Kasimir Malewitsch zurück, der vor rund 100 Jahren mit seinen radikal reduzierten Kunstwerken (Schwarzes Quadrat) zum Begründer des Suprematismus avancierte. Die Fondation Beyeler erklärt dazu, dass bereits Malewitsch schon ein schwarzes Quadrat vor ein Heiligenbild schob. Beim Anti-Selfie wird nun ebenso die Individualität des Porträtierten zerstört – und das Selfie erreiche heutzutage mitunter den gleichen Stellenwert wie ein Heiligtum.

Hinter dem neu ins Leben gerufenen Anti-Selfie-Club steckt übrigens das Studio Moniker, eine Agentur für digitale Kunst und visuelle Kommunikation aus Amsterdam. Die Website wurde jedoch im Auftrag des Schweizer Kunstmuseums Fondation Beyerle als Online-Erweiterung der aktuell laufenden Schauen 0,10 – Die letzte futuristische Ausstellung der Malerei sowie Black Sun ins Leben gerufen, die den Einfluss des Schwarzen Quadrats Malewitschs auf die zeitgenössische Kunst untersucht. Das angegliederte Projekt Anti-Selfie-Club darf als ironischer Kommentar auf den Selfie-Wahnsinn der digitalen Gesellschaft verstanden werden, der zum Nachdenken anregen soll.

Auf der Suche nach 0,10 – Die letzte futuristische Ausstellung der Malerei.

Noch bis 10. Januar 2016

Fondation Beyeler, Riehen bei Basel