Beuys
"Ich bin bereit, sofort hier zu provozieren"

Der Mann mit Hut und Anglerweste: Eine Dokumentation nähert sich dem großen Künstler und Provokateur Joseph Beuys.

Joseph Beuys bescherte der Welt ein Filzklavier, einen Fettstuhl und eine Honigpumpe. Auch als Schamane trat er häufiger in Erscheinung. Mit seinen installativen und performativen Arbeiten ließ er sein Publikum zeitlebens ratlos zurück. Manchmal erhitzte er die Gemüter so sehr, dass es seinetwegen zu heftigen Auseinandersetzungen und Protesten kam. Aus heutiger Sicht scheint es so, als sei die Welt noch nicht reif gewesen für diesen Joseph Beuys, der prompt jeden Menschen zum Künstler erklären wollte.

Mit Beuys geht auf der diesjährigen Berlinale der einzige Dokumentarfilm um einen Goldenen Bären ins Rennen. Macher des Filmes ist Andres Veiel, der spätestens seit Black Box BRD als einer der wichtigsten Dokumentarfilmer des Landes gilt. Für seinen neuen Film betrat allerdings auch Veiel Neuland. Vier Jahre lang durchforstete er rund 400 Stunden Bewegtbildmaterial aus Archiven, sichtete 30.000 Fotos und führte sich über 60 Interviews des Künstlers zu Gemüte. Daraus entwickelte er anschließend eine lose Bildmontage mit cineastischer Abfolge, in der er Joseph Beuys in großen Teilen selbst zu Wort kommen lässt.

Beuys, der seinen erweiterten Kunstbegriff verstanden wissen wollte, sträubte sich nicht, sein Kunstverständnis in öffentlichen Reden oder in Fernsehinterviews zu erläutern, auch wenn ihm (eigentlich permanent) Unverständnis, mitunter auch Wut, entgegen gebracht wurde. Während einer Podiumsdiskussion etwa wurde er von dem Philosophen Arnold Gehlen zu seiner Arbeit „Rudel“ befragt, für die er etliche, voll bepackte Schlitten an einen alten VW-Bus gebunden hatte. „Wieso haben Sie keine Kinderwagen genommen“? Beuys antwortete: „Die Kinderwagen überlasse ich gerne Ihnen. Mal sehen, ob sie daraus etwas Interessantes machen können.“ Das Publikum lachte. Beuys provozierte gern, aber er war auch schlagfertig und mit einer guten Portion rheinischen Humors ausgestattet. Und der machte ihn ohne Zweifel zu einem, von dem man seine Aufmerksamkeit nicht lassen konnte.

Andres Veiel macht die vielen Facetten des Joseph Beuys in seinem Film sichtbar, indem er ihn selbst zu Wort kommen lässt. Warum er er genau jetzt diesen Film gemacht hat? Die politische Aktualität des Aktionskünstlers sei für ihn nicht von der Hand zu weisen: „Er hat schon vor 30 Jahren die richtigen Fragen gestellt, weil er in den politischen Raum hineingedacht hat“. Es ist wahr, Beuys hat keine Kunst gemacht, um sie an die Wand zu hängen, sondern um sie als „Waffe gegen den Feind“ zu nutzen. Er war ein politischer Mensch und bewegte sich gerne in Spannungsfeldern, da, wo er Menschen gestalten sah. Neben Andy Warhol und Robert Rauschenberg galt Beuys trotzdem schon Anfang der achtziger Jahre als einer der wichtigsten Künstler des 20. Jahrhunderts, führte sogar die Liste der teuersten Künstler weltweit an. Das interessierte ihn selbst wohl am allerwenigsten.

Von: Insa Grüning