Ein Kuss von Beatrice

In Sage Femme lässt Regisseur Martin Provost Grande Dame Catherine Deneuve in der Vergangenheit wühlen und zeigt, wie zwei vollkommen unterschiedliche Charaktere zueinander finden.

Catherine & Catherine | © Michaël Crotto / Memento

Claire (Catherine Frot) und Beatrice (Catherine Deneuve) könnten wohl kaum unterschiedlicher sein: während erstere sich zwanghaft korrekt in geordneten Bahnen bewegt, von Tisch bis Bett jeglichem Genuss entsagt zu haben scheint und zwischen Thymian-Tee und Vollkornreis nur selten die Zähne auseinander bekommt, trinkt sich Beatrice genüßlich durch vollmundige Bordeauxs, fröhnt leidenschaftlich rauchend dem Glücksspiel in Zocker-Hinterzimmern und verschlingt blutiges Entrecôte wie einst Männer. Zu besagten Männern zählte vor über 30 Jahren auch Claires Vater, den sie jedoch eines Tages stehen ließ, um wohl wieder einmal einer Laune nachzugehen. Als Beatrice die Diagnose Hirntumor erhält, erinnert sie sich wehmütig an die Zeit mit Antoine und wendet sich an Claire. Für diese ist Beatrice die vollbusige Verkörperung einer traumatischen Zeit, erwartungsgemäß verhalten ist Claire beim ersten Zusammentreffen. Doch Beatrice bleibt beharrlich, sucht im Angesicht des Todes eine Vertraute, schließlich waren Freunde mit ihrem rastlosen Leben nur schwer zu vereinen.

Femme Fatale trifft Sage Femme

In Claires Leben geplatzt wie eines jener Neugeborenen, welche diese bei ihrer Arbeit als Hebamme in einem Vorort von Paris täglich auf die Welt holt, sorgt Beatrice unweigerlich für (dringend notwendige) Veränderung im Leben der Sage Femme. Claire lässt los – trägt sinnbildlich dafür schließlich das Haar offen – handelt aus dem Bauch heraus, wird mutiger. Zwischen den beiden Frauen entwickelt sich eine besondere Beziehung, fast eine Freundschaft, Beatrices Hartnäckigkeit und Claires Gutmütigkeit sei Dank. Beinahe mütterlich kümmert sich Claire um Beatrice, die zwischendurch immer wieder das trotzige Kind gibt und mit ihrer zerschlissenen Hermes-Handtasche loszieht, um ihren letzten Schmuck beim Pfandleiher zu versetzen.

Zugegeben, der große Knall bleibt aus, der Verlauf von Sage Femme ist recht schnell abzusehen. Dabei bleiben sowohl Bild als auch Ton konsequent ruhig, ausgenommen die Geburten, die übrigens teilweise echt sind! Nebengeschichten rund um Claires Sohn oder die insolvente Geburtsklinik geben der Handlung zumindest noch etwas Futter, verleihen ihr aber keinen besonderen Aufwind. Zweifellos trägt das großartige Zusammenspiel von Deneuve und Frot den Film, die beide gleichermaßen mit ebenso überraschendem wie trockenem Humor trumpfen können. Was der Zuschauer erzählt bekommt, ist die Geschichte zweier starker Frauen, die eigentlich gar nicht befreundet sein sollten, jedoch glücklicherweise zu genau dem Zeitpunkt zusammen finden, in dem sie einander am meisten brauchen können.

Kinostart ist am 8. Juni.

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