Die letzte
Bastion

Zehn Jahre nach seiner Gründung ist der Berliner Schinkel Pavillon in Sachen zeitgenössischer Kunst eine Instanz von internationalem Rang. Nina Pohl, Künstlerin und Gründerin des Pavillons, erklärt dem Wiener Kurator Nicolaus Schafhausen, warum.

Der Schinkelpavillon | Foto: Thorsten Klapsch

Nicolaus Schafhausen Nina, du leitest den Schinkel Pavillon in Berlin. Ich würde von dir gern wissen, wie du diese Institution, die ja von einem gemeinnützigen Verein getragen wird, in Berlin verortest. Was ist der Unterschied zu anderen Institutionen, die sich um zeitgenössische Kunst kümmern?

Nina Pohl Zunächst einmal muss ich dazu sagen, dass der Schinkel Pavillon aufgrund seiner Architektur und seiner Geschichte weltweit wirklich einzigartig ist. Es handelt sich um ein gläsernes Oktagon, das 1969 von Richard Paulick, einem damals berühmten DDR-Architekten, errichtet wurde. Der Pavillon stellt dabei einen exzentrischen Mix aus Neo-Klassizismus und DDR-Repräsentationsarchitektur dar …

Schafhausen Das Gebäude an sich ist also schon eine Besonderheit?

Pohl Ja, viele Künstler fühlen sich von dieser Architektur extrem angezogen, weil sie sich so unterscheidet von den White Cubes, den Galerien und Museen, die wir in der Stadt haben. Deswegen lade ich auch oft Künstler ein, die raumspezifisch arbeiten, weil es natürlich eine ganz andere Herausforderung ist, auf so einen Raum zu reagieren. Der Schinkel Pavillon befindet sich ja im Garten des Kronprinzenpalais, in dem es von 1919 bis 1937 eine Abteilung der Nationalgalerie gab, die man die Galerie der Lebenden nannte. Das war die erste Museumssammlung zeitgenössischer Kunst, die auch als Vorbild für das New Yorker Museum of Modern Art gilt. Aber wir kennen die Geschichte: ­Unter den Nazis wurde diese revolutionäre Sammlung als entartet diskreditiert und geschlossen.

Schafhausen Ja, die Geschichte des Ortes ist wirklich unglaublich spannend. Und ihr habt es auf perfekte Weise verstanden, Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft miteinander zu verschränken. Man kann dem Ort eigentlich gar nicht eindeutig gegenübertreten.

Pohl Ja, weil von dort, wo wir jetzt Performances und Tanzveranstaltungen machen, in der Nazizeit die Gemälde der Expressionisten und der Brücke-Künstler verbannt wurden. Auch das Gebäude wurde im Zweiten Weltkrieg zerstört. Später hat dann in unserem Pavillon Erich Honecker Cocktailpartys gefeiert. Auch diese Tradition wird von uns gern fortgeführt.

Schafhausen Das ist fast schon eine Ironie der Geschichte. Aber ich habe da noch eine kurze Zwischenfrage: Würde es dich eigentlich interessieren, die Historie des Ortes noch deutlicher zu thematisieren?

Pohl Die Historie und die Architektur werden ja dauernd von den Künstlern in den Ausstellungen thematisiert.

Schafhausen Von den Künstlern?

Pohl Ja, die gehen ganz gezielt auf diesen Ort ein, aber auch auf das Umfeld. Der Schinkel Pavillon ist sozu­sagen die letzte Bastion in der historischen Mitte Berlins, die zeitgenössische Kunst zeigt. Wir sind ja von Baustellen umgeben. Es findet da gerade ein unglaublicher Wandel statt. Ein neues Schloss entsteht, neue Townhäuser werden errichtet, die Friedrichswerdersche Kirche wird zugebaut – viele Künstler nehmen diese brachialen städtebaulichen Eingriffe zum Anlass, darauf künstlerisch zu reagieren. Ob das nun Cyprien Gaillard ist, der Bagger zu klassischer Musik auf den Baustellen hat tanzen lassen, oder Thomas Hirschhorn, der unter dem Titel Höhere Gewalt bei uns scheinbar eine Decke zum Einsturz gebracht hat.

Außenansicht | Foto: Thorsten Klapsch

Schafhausen Meinst du, dass der Schinkel Pavillon als Ort für zeitgenössische Kunst auch dann noch Bestand haben wird, wenn die Bauarbeiten in der Gegend abgeschlossen sind? Also das Schloss und die schönen kleinen Townhäuser bezugsfertig sind und viele nette Familien ihre Kinderwagen durch die dann herausgeputzte und vollgesicherte Gegend schieben.

Pohl Auf jeden Fall soll der Schinkel Pavillon weiter Bestand haben! Es ist ein geschichtsträchtiger Ort, der durch den Kunstverein der Öffentlichkeit zugänglich gemacht worden ist und an dem seit zehn Jahren wichtige künstlerische Arbeiten gezeigt werden. Wir wollen an einem von Investoren bedrängten Standort diese Fahne weiter hochhalten.

Schafhausen Ja, das sehe ich genauso. Aber ich dachte, ich stelle zwischendurch mal eine provokative Frage. Ich kann mir die historische Mitte ohne den Schinkel Pavillon auch gar nicht mehr vorstellen. Der ist für mich ein Anker, ein Stück Heimat geworden.

Pohl Freut mich sehr!

Schafhausen Obwohl sie immer wieder gefordert wird, hat Berlin ja keine landeseigene Kunsthalle. Der Schinkel Pavillon, könnte man sagen, hat diese Leerstelle gefüllt. Wie siehst du den Pavillon im institutionellen Umfeld Berlins? Braucht die Stadt überhaupt noch eine Kunsthalle?

Pohl Natürlich wäre das super, wenn wir noch eine größere Kunsthalle hätten. Der Schinkel Pavillon ist ja sehr klein. Aber da wir die Halle nun einmal nicht haben, denke ich, dass der Pavillon eine Art Ersatz ist, eine kleine Kunsthalle sozusagen. Und der Pavillon ist auch der Beweis dafür, dass man durch eine Privatinitiative viel bewirken kann, dass jeder etwas verändern kann.

Schafhausen Apropos verändern: Wo siehst du die größten Veränderungen in der Berliner Kunstszene in den letzten Jahren, und wohin geht die Tendenz deiner Meinung nach?

Pohl Nun, das hängt ja mit der Frage zusammen, wie sich die Kunstszene in den vergangenen Jahren verändert hat. Ich bin schon sehr lange in der Szene unterwegs und denke, dass die Entpolitisierung der Kunst damit zusammenhängt, dass sie einen unglaublichen Boom erlebt hat. Sie ist so populär und konform geworden wie noch nie. Überall laufen die gleichen Akteure und Player rum, es wird selten etwas produziert, was einen wirklich berührt, was radikal sein könnte. Hinzu kommt, dass Kunst zu einer Religion für Atheisten geworden ist. Gerade für die neue Sammlerschaft ist die Kunst ein existenzialistischer Weg geworden, der identitätsstiftend ist. Das hat leider dazu geführt, dass in der Kunst ein Mainstream vorherrscht und Eröffnungen Eventcharakter haben.

Schafhausen Wie wählst du die Künstler aus, die du ausstellst? Du gehst mehr intuitiv als strategisch vor, oder?

Pohl Als ich angefangen habe, den Pavillon zu kuratieren, steckte ich selbst noch voll in der Kunstproduktion. Da bin ich das alles sehr viel spielerischer angegangen. Ich dachte, ich stelle nur attraktive 20-jährige Boys aus, also die Künstlerszene aus Neukölln. Aber daraus sind im Laufe der Jahre dann doch auch grauhaarige Opis wie Paul McCarthy geworden und auch viele tolle Frauen. Das ursprüngliche Konzept, meine Fishing Grounds zu erweitern, ist nicht ganz aufgegangen. Stattdessen ist daraus ein ziemlich seriöser Kunstverein geworden, der auch international viel Beachtung gefunden hat.

Schafhausen Darüber brauchen wir ja gar nicht zu ­reden. Wenn in Deutschland überhaupt so etwas wie ein It-Girl der zeitgenössischen Kunst existieren würde, dann wärst das ja du.

Pohl Danke für das Kompliment … um wirklich das It-Girl zu werden, müsste ich aber erst mal einen Instagram-Account einrichten.

Magazin / Weitere Artikel

14.11.2016

Der radikal-materialistische
Fragebogen

…beantwortet von Sasha Grey. Die DJane und Autorin über Horrorfilme, ihr Work-Out und Schuhe.

22.12.2016

"Ich wäre gern Jesus und Ross aus Friends"

Dieses Mädchen hat 23 Gegner. Sie muss töten, um zu leben. Und das kann sie. Jennifer Lawrence ist die Heldin der „Tribute von Panem” und träumt von einem Pool voller Pasta. Für uns …

27.03.2017

PRE-ORDER
inter/VIEW Spring Issue

Warhol unterschied seine Stars in Looker und Talker, er selbst war Macher. Unsere Stars sind Macher – und Talker und die Frühjahrsausgabe jener neuen Boheme gewidmet. Jetzt vorbestellen!

15.11.2016

"Ich bin Anarchist,
wenn es um Modetrends geht"

Der Designer Craig Green wurde mit seiner Abschlusskollektion von der britischen Presse verhöhnt. Kurz darauf kleidet er mit seiner poetischen Männermode die größten Popstars unserer Zeit ein, …

08.03.2017

"In einer perfekten Welt wären alle sexuellen Identitäten feministisch"

Die Soziologin Jane Ward lehrt Gender Studies in der University of California in Riverside. Ihr Buch „Not Gay – Sex Between Straight White Men“, das im Herbst auf Deutsch erscheint, betrachtet …

29.11.2016

Underground-
König/in

Genesis Breyer P-Orridge war als Künstler und Musiker mit seinen Acts Throbbing Gristle und Psychic TV immer eine Ikone der vom Mainstream Ausgestoßenen und der Gegenkultur. Demna Gvasalia, Designer …