Heartbreak
Hotel

Die Autorin Nicolaia Rips wuchs im legendären Chelsea Hotel auf und hat darüber ein Buch geschrieben.

Nicola Rips' Notizen

Das New Yorker Chelsea Hotel ist ein Ort mit vielen Reputationen, aber als besonders kindgerecht galt es nie. Sid Vicious soll in Zimmer Nr. 100 seine Freundin Nancy Spungen ermordet haben, Madonna fotografierte hier ihren Bildband „Sex“ und Edie Sedgwick setzte aufmerksamkeitswirksam ihr Zimmer in Brand. Drogen, Kreativität und Wahnsinn wohnten im Chelsea immer behaglich nah beieinander.

Die 18-jährige Autorin Nicolaia Rips hat dort ihr gesamtes Leben verbracht, was sie schon so früh mit einem derartigen Repertoire an seltsamen Begegnungen und skurrilen Anekdoten ausrüstete, dass sie ihr erstes Buch schrieb, noch bevor sie die Highschool abgeschlossen hatte. Rips’ Trying to Float (das auf Deutsch leider Alles außer gewöhnlich heißt) ist ein Augenzeugenbericht aus dem zwölfstöckigen Hotelkoloss in Downtown Manhattan, der im 20. Jahrhundert mehr Künstler, Musiker, Schriftsteller und Gestrandete anzog als jeder andere Ort der Welt. Statt mit gleichaltrigen Freunden verbrachte Rips ihre Zeit damit, auf einem Neufundländer durch Hotelflure zu reiten oder in der Lobby mit anderen Dauermietern zu parlieren, denen der Hotelmanager Stanley Bard schon mal im Tausch gegen ein Kunstwerk die Miete erließ.

Nicolaia Rips: “Es war eine Fantasiewelt”
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Die Aura vergangener Tage, in denen Leonard Cohen den Song Chelsea Hotel #2 darüber schrieb, wie er hier einen Blowjob von Janis Joplin bekam, durchwehte die abgeschabten Flure. „Es war eine Fantasiewelt“, sagt Rips. Dass sie sich mit den Fabulisten des Chelsea Hotels bestens verstand, hatte den Preis, dass Rips bei ihren Schulkameraden meist kolossal danebenlag. „Ich war immer umgeben von Erwachsenen, ich konnte mit anderen Kindern nicht viel anfangen. Und die haben das gemerkt.“

Die Autorin mit ihren Eltern

Weil Rips sich nicht mit Social Media auskannte und die falschen Klamotten trug, half es ihr wenig, dass sie nur ein paar Stockwerke entfernt von Ethan Hawke lebte. Von ihren hoffnungslos exzentrischen Eltern konnte Rips mit ihrem Wunsch nach Konformität wenig Unterstützung erwarten. Ihr Vater, der Schriftsteller und Anwalt Michael Rips, las der Tochter ausschließlich Thomas Carlyle vor und lobte bei einem Schulbewerbungsgespräch ihr Talent, in Abendgesellschaft einen Toast auszubringen. In Abel Ferraras Dokumentation Chelsea on the Rocks erläutert er eine afrikanische Fetischskulptur aus Dung, die im Wohnzimmer der Familie steht. Rips’ Mutter ist die Künstlerin Sheila Berger, die in den Achtzigern für Vogue-Cover modelte und, als sie erfuhr, dass sie schwanger ist, drei Monate lang die Seidenstraße bereiste.

Man kann annehmen, dass die chronische Weigerung der Menschen in ihrem Umfeld, sich wie Erwachsene zu benehmen, Rips genau zwei Entwicklungswege nahelegte: selbst abzudriften oder aber sehr früh sehr weise zu werden. Rips entschied sich, darauf deuten zumindest ihre selbstironischen Aufzeichnungen hin, für die zweite Version. Gerade hat sie ein Studium an der elitären Brown-Universität begonnen. „Ich denke“, sagt sie, „ich bin dem Hotel ohne größere Schäden entwachsen.“

Alles außer gewöhnlich ist bei Nagel & Kimche erschienen.

Von : Frauke Fentloh