"Höhere Gewalt" – 
Interview mit Ruben Östlund über den klügsten Beziehungsfilm seit langem

Donnerstag startete eines der überraschendsten Filmhighlights dieses Herbstes. „Höhere Gewalt“ zeigt klug die Mechanismen einer Liebeskrise. Wir haben mit Regisseur Ruben Östlund gesprochen.

Die Geschichte von Ruben Östlunds Film ist folgende: Ebba und Mats verbringen die Skiferien mit ihren Kindern in einem Luxusressort in den Bergen. Eines mittags, auf der Terrasse einer Hütte, werden sie Zeuge eines Lawinenabgangs. Was sie zunächst aus der Ferne wie ein faszinierendes Naturschauspiel bestaunen, rollt immer nährer und wird irgendwann zur Gefahr. Panik auf der Terrasse, Schneewolken legen sich über die Szene, Menschen fliehen. So auch Mats, der sich sein Handy und seine Handschuhe schnappt und davon läuft – ohne an seine Familie zu denken. Doch die Lawine kommt zum Glück zum Stehen, bevor es zur Katastrophe kommt. Keiner wird verletzt, keiner kommt zu Schaden – bis auf Mats, dessen Familie ihn ab diesem Moment mit Blicken straft, die Enttäuschung und Verachtung zeigen. Er hat versagt, als Mann, als Vater. In der Sekunde der Gefahr ist sein Egoismus größer als die Sorge um seine Familie. Verständlich oder unverzeihlich, darum geht es.

Regisseur Ruben Östlund ist ein echtes Meisterstück verstörender Beziehungsdynamik gelungen. Der Mann, der seine Familie beschützen sollte, sucht das Weite, und treibt die ganze Familie in die Krise. Das besondere: Er erzählt die Geschichte durchaus ernsthaft, denn das Thema rührt an Urängsten, und inszeniert es dennoch als Komödie.

Regisseur Östlund wird mit seiner Komödie bereits für den Auslandsoscar gehandelt  – wir haben mit ihm über den Film gesprochen:

Toller Film! Wird es eigentlich immer schwieriger heute, ein Mann zu sein?

Wenn du versuchst, dich als Mann  nach Neanderthaler Art darzustellen, dann fürchte ich, ist es tatsächlich schwierig geworden. Es gibt nicht mehr viele Möglichkeiten diese Art Männlichkeit heute zu leben. Andererseits denke ich, dass es genau so schwierig ist, als Frau den heutigen Rollenmodellen gerecht zu werden.

War es die Idee des Films, diesen Kampf zu zeigen?

Mich hat eine Studie über Flugzeugentführungen auf das Thema gebracht. In dieser Untersuchung kam raus, dass die Scheidungsrate nach so einem Erlebnis extreme hoch war. Also selbst wenn die Leute davon kamen, ohne verletzt zu werden, haben sie sich danach überdurchnittlich of getrennt. Ich denke, einer der Gründe dafür ist, dass sie in der Extremsitutation eine Seite ihres Partner gesehen haben, die es erschwert, einfach so zusammen weiterzumachen. In vielen Punkten sind wir einfach in unseren Erwartungen an das andere Geschlecht gefangen, gefangen in der Rolle als Mann und der Rolle als Frau. Von dem Mann wird erwartet seine Familie zu beschützen, wenn eine Gefahr von außen auftaucht. Aber wenn wir uns Statistiken ansehen, zum Beispiel bei Schiffskatastrophen, dann ist es wahrscheinlicher, dass der Mann überlebt. Männer haben eher die Fähigkeit egoistisch zu handel im Falle einer Katastrophe.

Haben Sie denn selbst nach dem Film noch Lust am Skiurlaub? Und wo fahren Sie hin?

Ich fahre im Dezember wieder nach Les Arcs, aber nicht nur um Ski zu fahren. Es gibt dort jedes Jahr ein Festival. Es wird ein Screening von “Höhere Gewalt” geben auf dem Gipfel des Aiguille Rouge, in 3250 Meter Höhe.

Es ist sehr interessant wie detailverliebt sie die Situation des Skiurlaubs schildern, vom Klicken und Surren der Lifte über den typischen verwaschenen Blauton von Skiunterwäsche bis zum Sound der Lawinensprengungen am Berg in der Nacht. Es wirkt fast wie eine audio-visuelle Studie zu dem Thema.

Zwischen 20 und 25 habe ich eine Menge Zeit in Skiorten verbracht. Ich war ein sehr engagierter Free-Skier und reiste in Europa und Nordamerika in verschiedenste Ski-Gebiete, um Filme zu drehen. Dadurch entstand überhaupt mein Interesse fürs Filmemachen. Und es war einer dieser Skifilme, mit dem ich mich an der Filmschule bewarb. Seit ich die Filmschule begonnen habe, suchte ich nach einem Weg, diese mir vertraute Umgebung für einen Spielfilm zu nutzen. In “Höhere Gewalt” wollte ich den Blick auch auf die Absurdität dieser Ort und ihren Lifestyle lenken. Die Neonfarben, die Skibrillen und wie der Mensch versucht, die Naturgewalten zu kontrollieren. Auf diesen Kampf zwischen Zivilisation und Wildnis.

Haben Sie Sonali Deraniyagala „Nach der Welle“ (“The Wave”) gelesen? Das Buch stand auf der New York Times Bestseller Liste und erzählt eindrücklich die Geschichte einer Frau, die ihre ganze Familie während des Tsunami in Sri Lanka verliert. Sie stoppt nicht, um ihre Eltern in der Hütte nebenan zu warnen, als sie in Panik mit ihren Kindern flieht. Ist es in ihren Augen verzeihlich, so zu handeln.

Ich habe das Buch nicht gelesen. Aber ich denke, wir können keinesfalls darüber urteilen, wie wir handeln würden, wenn sich unser Überlebensinstinkt einschaltet. Es gibt ein iranisches Sprichwort, das sagt: „When the water is reaching the nose – the baby is put under the mothers feet.“ Wir sollten davon etwas lernen. Die meisten von uns haben keinen Schimmer, wie wir in einer solchen Situation reagieren würden, also neigen wir dazu, zu denken, dass wir uns wie der Actionheld im Film verhalten würden.

18.11.2014 | Kategorien Film, News | Tags , , ,