Total Wellmess

Neulich, am sogenannten Valentinstag, postete eine Frau, Mitte 30, auf Facebook ein Foto, auf dem in schwarzer Schreibmaschinenschrift auf weißem Grund geschrieben stand: „I Love Me.“ 27 ihrer Freunde mochten das. Keine Kommentare

It’s not easy being green: Das Gift des Riesenmakifroschs aus dem Amazonasgebiet wird zur „Urwald-Impfung“ genutzt

Das Gefühl der Stunde heißt Selbstliebe. Nur wer sich selbst liebt, kann auch anderen Liebe geben – rund um diese Überzeugung hat sich eine ganze Industrie entwickelt. Die Non-Profit-Organisation Global Wellness Institute will „der Wellness weltweit mehr Macht verleihen“.

Nun ist an Wohlbefinden, Ausgeglichenheit und Selbstverwirklichung gar nichts falsch. Und nichts daran, ein erfolgreiches Leben als eines zu definieren, in dem das eigene Wohlbefinden höher gewertet wird als das Geldscheffeln. Womöglich geht dabei aber viel mehr an Glück verloren, als vermeintlich gewonnen wird: das der Gemeinschaft.

Glück heißt derzeit vor allem: Gesundheit. Sich von innen gut zu fühlen ist das neue Gutaussehen, „health is wealth“. Protagonist der Wellness-Religion ist Jason Wachob, ein ehemaliger Börsenmakler. In seinem Buch „Wellth – How I Learned to Build a Life, Not a Résumé“ ruft er „Wellth“ zur neuen Währung aus. Wachob hat sich mit seiner Medienmarke Mindbodygreen der 360-Grad-Selbstoptimierung verschrieben, unter dem Motto: „Engagiert, dich zu inspirieren, damit du das beste Leben führen kannst, wollen wir alles geben, was gut für dich ist.“

Neben Kochrezepten für supergesunde Gerichte und Lebenshilfetipps rund um die Themen Minimalismus und Mindfulness bietet Mindbodygreen auch Kurse an: „In 28 Tagen zur Yoga-Glückseligkeit“ oder „Wie Sie zur attraktivsten Version Ihrer selbst werden“.

Gwyneth Paltrow schlägt in dieselbe Kerbe. Über ihr Lifestyle-Imperium Goop lässt sie Detox-Badesalze und Rezepte für Käse-Makkaroni ohne Käse verkaufen, außerdem Anleitungen zur rituellen Unterwäsche-Verbrennung bei Vollmond, anzuwenden als spirituelle Reinigung nach einer Trennung. Vor ihrer Ehe mit dem Coldplay-Sänger Chris Martin war Paltrow noch eine hoffnungsvolle Schauspielerin, abonniert auf die Rolle der kühlen Blonden, angetan mit Pennyloafer und Perlenkette. Die gemeinsamen Jahre mit Chris waren anscheinend eine Gehirnwäsche, möglicherweise war LSD im Spiel. Sie bekamen ein Kind namens Apple (so organisch, so gesund!), spätestens seit der ebenfalls auf Goop mit Essays begleiteten bewussten Entpaarung der beiden hat Gwynnie viel Zeit, sich ganz ihrer Selbstliebe zu widmen.

Mit Yoga, Achtsamkeit und einer umfassenden Entgiftung fängt es an, die Kriegserfahrung in unseren friedliebenden Breiten aber ist das Ayahuasca-Ritual. Dabei trinken Heilsuchende einen aus mehreren Urwaldpflanzen gebrauten Sud, erbrechen sich und begegnen in stundenlangen Halluzinationen gefiederten Schlangen, ihren Eltern oder sich selbst.

“Wenn es dir nicht gut geht, bist du leider selbst schuld. Du musst nur die richtige Kur finden, dann läuft es wieder. Kümmere dich um dich. Therapiere dich. Erringe die Kontrolle. ”
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Die totale Entgiftung wiederum verspricht ein anderes Ritual, das ausgerechnet auf einem veritablen Gift basiert – dem des Riesenmakifroschs im Amazonasgebiet. Den Ureinwohnern Brasiliens gilt das Amphibiensekret als „Urwald-Impfung“, als Allzweckwaffe gegen Malaria, Schlangenbisse und Unfruchtbarkeit. Westliche Großstädter lassen es sich in Brandwunden einreiben, die ihnen Schamanen und Dschungelmediziner vorsätzlich im Fleisch des Oberarms zufügen. Der Körper reagiert auf den Froschsaft mit dem Anschwellen des Gesichts und Halses, mit Erbrechen und Durchfall. Was klingt wie eine bedauerliche Blitzinfektion mit dem Norovirus, wird als Entgiftungszeichen begrüßt: als Aufbruch in ein neues Leben ohne Allergien, Migräne, Rückenschmerzen, Depressionen und Drogensucht, wahlweise auch ohne Alzheimer, Demenz oder Krebs. 

Wer es weniger experimentell mag, checkt in Gesundheitshotels wie Vivamayr im österreichischen Maria Wörth oder den Lanserhof am bayerischen Tegernsee ein und genießt für bis zu 1 200 Euro pro Nacht sein Penthouse mit Seeblick inklusive Diätverpflegung, Mineralwasser und Nahrungsergänzungsmitteln – die obligatorischen Arztbehandlungen wie Stresstests, Aderlass und Colon-Hydro-Therapie (Colon steht für Darm, Hydro-Therapie meint die Reinigung durch Wasser) nicht inbegriffen. Der größte denkbare Luxus ist also die gute alte Darmspülung, wiedergeboren als inwendiges Kärchern.

Im Kontrast zu den rabiaten Methoden werden die erhofften Ergebnisse mit esoterischem Vokabular beschworen, es ist von „heilenden Reisen“ die Rede – natürlich „zu sich selbst“ –, von „den Pfaden zur Verwandlung und Verwirklichung von Körper, Geist und Seele“. Aber es heißt ja nicht umsonst Egotrip. Oder wie die Postbank weiß: „Unterm Strich zähl ich.“

All diese Techniken der Reinigung, Entrümpelung und Entschleunigung folgen der antiken Denkschule der Asketen. Die alten Griechen waren überzeugt, durch Mäßigung, Beherrschung der eigenen Gefühle und allein durch geistige und körperliche Gymnastik die totale Kontrolle zu erreichen. Glück aber lässt sich nicht herbeizwingen, es kommt auch nicht von allein. Fürs Glücklichsein braucht es mehr als einen.

Die Vorstellung vom Glück als etwas, für das man selbst verantwortlich ist, erweist sich als übermäßig simpel gedacht: Wenn es dir nicht gut geht, bist du erstens selbst schuld, und zweitens musst du nur die richtige Kur finden, dann läuft es wieder. Kümmere dich um dich. Therapiere dich. Erringe die Kontrolle. „Ich hatte neulich mal einen Orgasmus“, sagt ein weiblicher Partygast in Woody Allens „Manhattan“ in die Runde, „aber mein Arzt sagt, es wäre nicht der richtige.“ So kann man sich die Freuden des Lebens natürlich auch kaputtanalysieren lassen.

Es stimmt einfach nicht, dass der Weg zu Liebe zwangsweise über die Selbstliebe führt. „Ich habe mich ganz sicher nicht selbst geliebt“, schreibt die 19-jährige Kolumnistin Saskia Hieb im Onlinemagazin „Clover Letter“, das sich der Selbstzucht junger Frauen widmet. „War das der Grund, dass mich niemand zu mögen schien?“ Als sie ihren Freund kennenlernte, war da auf einmal jemand, der all die kleinen Dinge an ihr liebte, die sie an sich selbst hasste. „Mit der Zeit begann ich, mich so zu betrachten, wie er es tut. Vielleicht war ich ja gar nicht so unansehnlich?“

“Wellness ist die Ausweitung der unternehmerischen Kampfzone. Nach Arbeit und Freizeit hat nun auch das Gefühlsleben produktiv zu sein”
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Die israelische Soziologin Eva Illouz schreibt, es sei ein Fehler, die Selbstliebe zum Maß des eigenen Lebensgefühls zu machen. Dahinter stehe nämlich die Forderung, etwas zu erzeugen, was der Mensch aus eigenen Kräften gar nicht erzeugen kann. Die zeitgenössische Aufforderung dazu, „sich selbst zu lieben“, sei ein Versuch, das reale Bedürfnis nach Anerkennung durch Autonomie zu befriedigen. Anerkennung aber könne nur durch das Eingeständnis der eigenen Abhängigkeit von anderen erlangt werden.

Doch Abhängigkeit gefällt dem modernen Menschen nicht. „Verlasse dich auf andere, und du bist verlassen“ sagt, wer von jemandem enttäuscht wurde. Sobald man mit anderen zu tun hat, kommt etwas Unberechenbares ins Spiel: Zufall und Chaos. Der Mensch ist als chaotisches Bündel von Affekten konstruiert, der Umgang mit ihm ist oft kompliziert – wo bleibt da der Health-Benefit? Wenn man sich nicht zum gemeinsamen nachmittäglichen Joggen oder auf einen Eiweißshake trifft, sondern womöglich in einer Bar, drohen sogar negative Folgeerscheinungen wie Kater oder Reue. Dabei ist doch nur einmal pro Woche ein Cheat-Day von der Green-Juice-Diät erlaubt.

Wer sich permanent ums eigene Selbst kümmert, es reinigt, poliert und optimiert, hat keine Zeit und bald auch keine Geduld mehr für das Mängelwesen Mitmensch. Der Wellth-Jünger wird zur Null-Toleranz-Person, die neben Gluten, Fleisch und Alkohol auch niemanden mehr erträgt, der diesen Dingen noch nicht abgeschworen hat, und die vergisst, dass mit „Sharing is Caring“ nicht das Posten der Superfood-Bowl auf Instagram gemeint war.

Hinzu kommt: Anders als Follower, abtrainierte Kilos und antrainierte Waschbrettbauch-Segmente lässt sich die in Gemeinschaft verbrachte Zeit nicht quantifizieren. Wie das Glück ermessen, das aus einem mit anderen verbrachten Abend erwächst, wie die Freude an einer unerwarteten Begegnung oder einem mäandernden Gespräch? Wie das waidwund-warme Gefühl, das sich nach einer heillos versoffenen Nacht in einem Club einstellt? Wer auf Twitter, Instagram und Facebook den ganzen Tag Pressemitteilungen über sein Leben aussendet, hat keine Kraft mehr, um etwas anderes als Scheinformen des Sozialen zu pflegen. Oder wie es Prinzgemahl Philip, der Duke of Edinburgh, anlässlich der Eröffnung der britischen Botschaft in Berlin formulierte: „Was für eine Verschwendung!“

Die sogenannten sozialen Netzwerke ersetzen die reale Präsenz anderer Menschen nur scheinbar. In Wirklichkeit versucht der Solipsist, den Mangel an Aufmerksamkeit durch das Kümmern um sich selbst zu substituieren. Von irgendwem muss man ab und zu hören, dass man schön ist, und wenn es das eigene Spiegelbild ist. Es funktioniert nur leider nicht. Der andere ist durch nichts anderes zu ersetzen.

Und die ständige Selbstliebe ist fucking teuer. Die neue Währung Wellth hat Wealth ja mitnichten abgelöst, sondern das Kapital nur verschoben. Dabei geht es im Grunde um die erneute Ausweitung der unternehmerischen Kampfzone. Nachdem sie Arbeitswelt und Freizeit komplett erfasst hat, geht es jetzt um das Innere. Nur wer sich selbst hegt und pflegt, kann auch liebenswürdig, umgänglich und bescheiden sein. Nach der Produktivität ist nun das Gefühlsleben dran, umfassend optimiert zu werden.

Allen, die glauben, dass man den Geburtstag eines Erwachsenen mit Orangensaft feiern kann, oder die ihr Leben gern auf 120 Jahre der sorgenden Selbstumkreisung verlängern wollen, muss man mit sanfter Stimme ins Ohr flüstern: Deine Erinnerungen an den Froschsaft, das Kotzen im Wald und die Colon-Hydro-Therapie werden dich nicht wärmen, wenn du einst auf dem Sterbebett liegst.



Von: Anne Waak

13.04.2017 | Kategorien Beauty, Essay | Tags , ,

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