SANTA MARIA NOVELLA

Seit 1612 stellt die traditionsreiche Klosterapotheke Santa Maria Novella aus Florenz kosmetische und pharmazeutische Produkte mit erlesenen Rohstoffen von allererster Güte her. Wir trafen den Geschäftsführer der Officina Santa Maria Novella: Eugenio Alphandery

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JOACHIM BESSING: Wie ich höre, vertreiben Sie seit neuestem auch Mineralwasser.

EUGENIO ALPHANDERY: Richtig. Die Quelle heißt San Carlo.

JB: Aus Florenz?

EA: Ganz aus der Nähe – kennen Sie Forte de Marmi? Ein Thermalort. Vor drei Jahren habe ich dort die Abfüllanlage gekauft. In San Carlo gibt es drei Mineralquellen. Das Wasser von dort ist seit dem Römischen Reich sehr bekannt. Ich werde dort jetzt eine Schönheitsfarm eröffnen. Behandelt wird mit den kosmetischen Produkten der Klosterapotheke Santa Maria Novella – und mit dem guten Wasser aus den Quellen von San Carlo.

JB: Das Wasser wird getrunken, oder stellen sie daraus auch Produkte für die äussere Anwendung her?

EA: Das Wasser wird natürlich getrunken. Aber wir werden die Flaschen jetzt auch weltweit vertreiben. Es gibt sprudelndes und stilles Mineralwasser. Zusätzlich wird es bald schon Gesichtspflegeprodukte auf der Basis des Quellwassers geben.

JB: In Berlin gibt es Ihre Produkte nur in einem einzigen Geschäft, bei MDC Cosmetic, zu kaufen. Wo haben Sie die Eigentümerin, Frau Dal Canton kennengelernt?

EA: Wir waren eigentlich nicht auf der Suche nach einem Verkaufspartner in Berlin. Sie müssen wissen: unser Unternehmen ist wie eine schöne Frau—sie wird eingeladen. Von sich aus ergreift sie niemals die Initiative. Wir wollen den Markt nicht penetrieren. Wir warten darauf, das wir angesprochen werden. Als Frau Dal Canton sich um uns bemühte, konnten wir nicht nein sagen. Sie ließ nicht locker und machte uns schließlich ein derart überzeugendes Angebot, das wir nicht ablehnen konnten.

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JB: Die Unternehmensgeschichte der Officina Santa Maria Novella reicht beeindruckend weit zurück.

EA: Die Gründung des Unternehmens war im Jahre 1612.

JB: Was war damals der Topseller des Klosters?

EA: Ein Rosenwasser. Die Dominikanerbrüder stellten das aber schon seit dem Jahre 1231 her.

JB: Wozu wurde das Rosenwasser gebraucht—für rituelle Waschungen?

EA: Nein, das wurde getrunken. Man glaubte an die desinfizierende Kraft der Rose. Die hat die Rose natürlich nicht. Aber es hat sich trotzdem glänzend verkauft. Man hat dann weitere Heilpflanzen und Kräuter angebaut. So sind in Florenz unsere Gärten entstanden, die es auch heute noch gibt. Seit 1614 werden nun aus den Pflanzenteilen aus diesen Gärten unsere Produkte hergestellt.

JB: Berühmt ist ja vor allem ihr Puder aus der Lilienwurzel, der die Haut heller schimmern läßt.

EA: Die Dominikaner haben damals die vornehmen Familien in Florenz mit ihren Produkten beliefert. Insbesondere die Medici. Einige dieser einst schwer populären Kosmetika können wir aber heutzutage nicht mehr anbieten. Das waren exquisite Rezepturen, in denen Schlangengifte eine tragende Rolle gespielt haben müssen.

JB: Oho! War das von der Wirkung her vergleichbar mit unserem Botox?

EA: Iwo, das hatte sehr wahrscheinlich überhaupt keine Wirkung! Den Mönchen ging es bloß ums Geld.

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JB: Sind denn die Mönche noch immer beteiligt an ihrem Unternehmen, arbeiten die noch im Kräutergarten?

EA: Nein, nein! Sehen Sie: Die Vereinigung Italiens, das Risorgimento im 19. Jahrhundert hatte ja vor allem ein Ziel: Den stärksten Feind Italiens, die Kirche, endlich zu besiegen. Man hat die Kirche dazu gezwungen, sich aus dem Wirtschaftsleben herauszuhalten. So wurde die Stadt Florenz zum Eigentümer der Officina Santa Maria Novella. Das war im Jahre 1869.

JB: Ich denke aber, die Leute kaufen Ihre Kosmetik auch deshalb, weil sie die Produkte als spirituell aufgeladen empfinden. Durch die Aura der Mönche.

EA: Niederschmetternd, wenn dem so wäre.

JB: Jedenfalls ist die Marke unter Modeleuten sehr beliebt. Wissen Sie warum?

EA: Keine Ahnung. Ich habe mich nie um die gekümmert. Aber es freut mich, dass die sich um mich kümmern. So sind wir zu einer sogenannten Lifestyle-Marke geworden.

JB: Vielleicht durch die Modemesse Pitti Uomo, die in Florenz abgehalten wird?

EA: Weniger wegen der Pitti. Es gibt aber viele Persönlichkeiten im Unterhaltungsgeschäft, die auf unsere Produkte schwören. Manche Schauspielerinnen bezahlen wir auch dafür, dass sie für unsere Marke werben.

JB: Wo auf der Welt liegt ihr Hauptabsatzgebiet? Ich weiß bloß, dass sie in Japan extrem populär sind.

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EA: Momentan ist es vor allem Südkorea.

JB: Ah, da gefällt vermutlich der hautweißende Puder.

EA: Ja, genau. Auch in Japan. In den Vereinigten Staaten haben wir sogar eine Zweigstelle gegründet, die sich ausschließlich um die Geschäfte vor Ort kümmert. Historisch gesehen, ist dort unser stabilstes Absatzgebiet. In Europa ist es vor allem Italien selbst.

JB: Können Sie da noch die erforderlichen Mengen an Pflanzenteilen aus umweltfreundlicher Landwirtschaft auftreiben—oder kaufen Sie auch in China ein?

EA: Einen Teil unseres Bedarfs decken wir mit den Pflanzen aus den Gärten der Officina Santa Maria Novella. Aber nicht alles wächst dort. Unser Zitronengras stammt beispielsweise aus Indonesien. Aber die Inhaltsstoffe müssen von allererster Güte sein. Wir investieren nicht in Werbung. Wir investieren in die Qualität unserer Produkte. Können Sie sich noch an den Tsunami erinnern? Damals, im Jahr 2004, erhielten wir Nachricht, dass sämtliche unserer Patchouli-Plantagen in Banda Aceh vernichtet worden waren. Wir flogen sofort nach Thailand, um uns mit Fachleuten der Universität dort zu beraten. Das Agrarwissenschaftliche Institut dort ist hervorragend. Sie betreiben das sogenannte Royal Project im Norden des Landes, bei Chiang Mai. Einst wurde dort Schlafmohn angebaut, heute kümmert man sich um die Erhaltung der Arten. Man gab uns zwei Proben ihres Patchoulis mit. Unser Laborleiter war begeistert: es war der beste Patchouli, den wir jemals gefunden hatten. Da ließen wir uns die Zertifikate aus Bangkok kommen. Allerdings sagte man uns, dass es die üblichen Zertifikate zum Anbau dieses Hammerpachoulis nicht geben könnte, da diese Pflanzen von den Mitgliedern der Hill Tribes dort angebaut würden. Die können weder lesen noch schreiben. Also konnten wir diesen Patchouli auch nicht verwenden. Leider. Aber das ist unser Gesetz: Ohne Zertifikat, keine Garantie, keine Chance bei Officina Santa Maria Novella.

JB: Das ist selten.

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EA: Wir sind eine seltene Marke. Schauen Sie, unsere florentinische Iris braucht drei Jahre um heranzuwachsen. Erst dann sind ihre Wurzeln stark genug, dass wir sie zu Öl weiterverarbeiten können. Aus einer Tonne Iriswurzel lösen wir eineinhalb Liter Öl für die Parfumproduktion. Diese anderthalb Liter kosten uns 30 000 Euro.

JB: Welche Ihrer Produkte verwenden Sie selbst am liebsten?

EA: Das Colonia Classica—ein Parfum. Meine Mutter hat es schon getragen. Dann die Granatapfelseife: Savone Melagrano. Ich habe auch Granatapfelbäume im Garten meines Hauses. Und dann natürlich die Pasticche: weiße Lutschpastillen. Die ersetzen mir die Zigaretten!

JB: Haben Sie nie geraucht?

EA: Ich rauche eine Zigarre nach dem Abendessen. Eine toskanische Zigarre allerdings, das ist etwas seltenes, müssen Sie wissen. Sehr stark. Die werden von Hand hergestellt. Die Frauen rollen die Tabaksblätter auf ihren Schenkeln. Ich hoffe, die machen vorher ein Peeling!

Die Produkte sind in Berlin exklusiv bei MDC Cosmetic erhältlich.