Im Porträt:
Designer Kiko Kostadinov

Der junge Londoner Modedesigner Kiko Kostadinov revolutioniert mit seinen elegant rohen Entwürfen gerade die Männermode. Seine Vision: Workwear for everywhere.

Designer Kiko Kostadinov | Foto: T-Bone Fletcher

Normalerweise bekommt ein junger Designer erst gute Presse, dann folgen die Käufer. Bei Kiko Kostadinov war es genau andersherum. Noch bevor er seinen Master am Londoner Central Saint Martins College in der Tasche hatte, entwarf er für Stüssy eine erste Männerkollektion. Sie verkaufte sich so rasend schnell, dass sich der New Yorker Dover Street Market direkt die exklusiven Verkaufsrechte für die zweite Stüssy-Linie des 27-Jährigen sicherte. Kostadinov stieg damit in den exklusiven Zirkel der hoch talentierten Jungdesigner auf, die Adrian Joffe (hier im Interview), der Chef des Dover Street Market, gern früh unter seine Fittiche nimmt. Wie das ausgehen kann, zeigt das Beispiel Gosha Rubchinskiy, der sich nach seinen Exklusivarbeiten für den Dover Street Market zum Designsuperstar weiterentwickelte. Auch bei Kostadinov zeichnet sich dieser kometenhafte Aufstieg ab. Mit der Präsentation seiner ersten eigenen Kollektion – einer modernen Interpretation männlicher Arbeiterkleidung – bekam Kostadinov schließlich auch in der Presse die ganz große Aufmerksamkeit. Vor allem: viel Lob! Es ist wohlverdient.

Denn Kostadinovs Herangehensweise an die Mode ist außergewöhnlich. Sie entwickelte sich entlang seiner ganz eigenen persönlichen Geschichte: Vor zehn Jahren verließen seine Eltern und er ihre Heimat Bulgarien, um in England ein neues Leben anzufangen. Weil Kostadinov sich schon während des Studiums die Mode seines Lieblingsdesigners Yohji Yamamoto leisten wollte, arbeitete er mit seinem Vater auf der Baustelle. Auch seine Mutter ist Arbeiterin. Neben ihrem eigentlichen Job als Erzieherin arbeitet sie als Reinigungskraft. Schon immer hatte Kostadinov ein Faible für Uniformen. In der Arbeitskleidung seiner Eltern fand er seine wahre Inspiration. Mit dieser im Hinterkopf entwirft er heute seine ganz eigenen Visionen von Workwear.

© T-Bone Fletcher

Diesen Winter sind das Hoodies zu kastenförmig geschnittenen Arbeiterjacken und weiten Hosen in dunklem Navy. Auch ein Hemd ist Teil der Kollektion, weiß, kurzärmelig, mit kubanischem Kragen. Es hat nicht nur einen ungewöhnlichen Schnitt, sondern auch eine breite Schlaufe, mit der der Rücken in Form gebracht wird. Ein Detail, das man sonst eher von alten Militärmänteln kennt. Dabei folgt Kostadinov beim Entwerfen konsequent einer ­Anti-Nostalgie-Methode: Anstatt in alten Magazi­nen oder auf Blogs nach Inspirationen zu suchen, findet er sie in seiner Umgebung und bei sich selbst. Sein Instagram-Profil wirkt wie ein virtuelles Tagebuch, in dem Kostadinov den Look all der Straßen dokumentiert, auf denen er tagtäglich unterwegs ist. „Ich wohne im Süden der Stadt, mein Studio aber liegt im Norden. Beides roughe Arbeitergegenden. Allein in der ­U-Bahn sehe ich täglich spannende Leute. Dabei inte­ressiert mich nicht unbedingt, was jemand trägt, sondern wie.“ Deshalb beschäftigt sich der Designer auch sehr lange mit dem Schnitt, bevor er ein Teil wirklich in die Produktion gibt. Er sucht einen guten Stoff, versucht, genau zu verstehen, wie er fällt, und probiert dann erste Entwürfe an sich oder Freunden. Dass er dabei auf rein Dekoratives verzichtet, ist nur konsequent. Es gebe nichts Schlimmeres als eine gut geschnittene Hose, an der Schlaufen und Knöpfe hängen ohne Funktion, sagt er.

Kostadinov kommt mit seiner neuen Männermode genau zur rechten Zeit. Weltweit verzeichnet der Markt ein starkes Wachstum. Laut Euromonitor International werden 2020 33 Milliarden Dollar Umsatz erwartet, 2015 waren es bereits 29 Milliarden. Das wäre ein Wachstum von 14 Prozent.

Gerade in London tut sich besonders viel. Die britische Hauptstadt hat schon Kim Jones, Martine Rose, Craig Green und Grace Wales Bonner hervorgebracht. Sie ist momentan DIE Brutstätte für aufregende Männermode. Dass nun auch Kiko Kostadinov hier zur neuesten Entdeckung am Männermodehimmel aufstieg, ist kein Zufall. Das British Fashion Council fördert mit NEWGEN MEN schon seit 2009 junge Menswear-Designer. Dieses Jahr entschied das Komitee, zu dem auch der Männermodekritiker der Financial Times Charlie Porter zählt, wen zu fördern? Richtig! Kostadinov natürlich. Sein Potenzial sei einfach vielversprechend, sagt Porter.

Darüber hinaus erkannte die Stadt London früh das Potenzial an aufstrebender Männermode und rief im Sommer 2012 mit der London Collections Men eine eigene Modewoche für Menswear ins Leben. Sie wurde ein Riesenerfolg. Die Beteiligung ist seit der Einführung um erstaunliche 67 Prozent gewachsen. 2015 zeigten 77 Designer ihre Entwürfe, dieses Jahr waren es sogar schon 102.

Mit dem Boom an jungen Talenten wächst auch die Vielfalt im Design. Lange war Männern der Anzug als modische Spielwiese genug. Jetzt wollen auch sie ein breiteres und bunteres Angebot, wie es der Markt den Frauen schon lange bietet. Kostadinov besetzt mit seiner Workwear eine Nische, die es so in London noch nicht gab.

Dabei experimentierte auch Kostadinov erst mal eine Weile wild herum, bis er seinen ­Style fand. „Als ich 2006 nach London kam, war ich fasziniert von der Schuluniform. So etwas gab es bei uns zu Hause in Bulgarien nicht.“ Er probierte herum und fand seine Form in Over­size-Looks. Dann bewarb er sich am Central Saint Martins College. Die Aufnahme schaffte er erst im zweiten Versuch, doch dann ging alles sehr schnell. Der Stylist Stephen Mann zum Beispiel beauftragte ihn mit Sonderanfertigungen für Shootings, bald entwickelte er sich zum Freund und Mentor des Designers. Mann war es auch, der Kostadinov der Stüssy-Crew vorstellte.

Für den jungen Designer waren die zwei Ko­operationen mit dem Streetwear-Label nicht nur eine willkommene finanzielle Unterstützung für seine Abschlusskollektion, sondern auch eine gute erste Übung darin, mit anderen zu kollaborieren – sind doch Kollaborationen zwischen High- und Low-Fashion-Labels ohnehin gerade das große Ding in der Mode. Wie gut das funktioniert, konnte man im Juni auf der Vetements-Show sehen. Das Kollektiv um den Designer ­Demna Gvasalia holte für die Sommerkollektion 2017 kurzerhand die besten Marken für jede der jeweiligen Streetwear-Disziplinen an Bord: Anstatt die Kollektion selbst zu designen, ließ er seine Trainingsanzüge von Reebok, seine Jeans von Levi’s und seine Workwear-Hosen von Carhartt entwerfen.

© T-Bone Fletcher

Auch Kostadinov kann der Zusammenarbeit mit Streetwear-Marken viel abgewinnen: „Kooperationen sind für Designer ein finanzielles Sprungbrett und für den Kunden ein guter Weg, einen neuen Designer kennenzulernen.“ Trotzdem blieben Streetwear und High Fashion für ihn zwei vollkommen andere Welten, sagt Kostadinov. „Hinter Letzterem steckt ein ganz anderes Designniveau.“ Es ist ihm wichtig, dass das für die Träger seiner Entwürfe auch klar erkennbar ist. „Mein Kunde soll sehen und spüren, wie viel Arbeit und Detailgenauigkeit in jedem meiner Teile steckt.“ Vor allem Hosen würden gern unterschätzt, sagt er. „Die meisten Designer konzen­trieren sich darauf, dass eine Jacke gut sitzt, dabei ist das bei einer Hose mindestens genauso wichtig.“ Weil bei ihm in beiden Teilen gleich viel Arbeit steckt, ist es nur konsequent, dass die Hosen made by Kiko Kostadinov auch ähnlich viel kosten wie eine Jacke des Designers.

Der Nachfrage schadet es nicht. Im Gegenteil. Und der Erfolg verändert für den jungen Designer so ziemlich alles. „Die Herausforderung wächst. Das Studio wird größer, ich habe nicht mehr nur Verantwortung für mein Business, sondern auch für meine Angestellten“, sagt Kostadinov. Was auch immer die Zukunft für ihn bereithält, eines hat sich der Designer fest vorgenommen: Seinem ganz persönlichen Ansatz will er weiter folgen, sich nicht den reinen Marktgesetzen unterwerfen. „Lieber mache ich zehn, zwölf starke Looks, die für sich stehen können, als 30, die sich nur in Farbnuancen unterscheiden.“ Wie das Dutzend Looks für die kommende Saison aussehen wird, weiß Kostadinov noch nicht. „Sicher geht es wieder um Workwear, aber diesmal möchte ich das Thema freier behandeln“, sagt er. Eine Idee hat er schon: Er würde gern einmal Elemente der Militäruniformen mit denen eines Arztkittels kombinieren. Klingt gut und spannend. Klingt nach Kostadinov.

von Inga Krieger