Laila Gohar:
Sie darf mit Essen spielen

Food-Art ist beliebt bei Modeschauen, auf Vernissagen, auf Hochzeiten von Auktionatoren und überall, wo stilbewusste Menschen aufeinandertreffen. Das Catering soll nicht bloß köstlich sein, sondern schick. Halt wie Kunst. Dann kommt die Food-Artistin Laila Gohar ins Spiel.

Foto: Pari Dukovic

Als der berühmte Juwelier Tiffany & Co. neulich seine besten Kunden zu einem Frühstück in den legendären Laden an der Fifth Avenue einladen wollte, ließ Laila Gohar dort, wo Holly Golightly noch nicht einmal ein Bagel serviert worden war, einen Berg aus 5.000 Marshmallows aufschichten. Der sah dann aber noch vergleichsweise schmächtig aus, weil im Vordergrund der Räumlichkeiten ein eigens gefertigter Trog in Form eines Rings, ungefähr so groß wie die Fontana di Trevi, platziert worden war, aus dessen Inneren die Gäste sich schaufelweise Lakritzpastillen mit Schokoladenüberzug nehmen durften. Und zwar à discrétion, wie es unter den Freunden guten Essens so schön heißt. Welche Getränke zu dem extrem zuckrigen Gastmahl gereicht wurden, darüber schweigt die Überlieferung. Ob vor der Tür gekifft wurde, um, magentechnisch, weitere Kapazitäten freizuschaufeln, ebenfalls. So ist, prinzipiell begriffen, Food-Art zu verstehen: Was es zu essen gibt, ist nicht entscheidend. Wie die Lebensmittel angerichtet werden umso mehr.
Apropos: In der Food-Art wird das von Ludwig Mies van der Rohe populär gemachte Gesetz des Minimalismus ausgehebelt, denn auch in der Wirklichkeit ist ja nicht etwa weniger mehr, sondern mehr ist mehr. Food-Art versteht sich als eine Aufklärungsbewegung, die den Schäumen und der Pipettenkost der molekularen Cuisine heimleuchten will. Da sah ja auch schon alles wunderschön drapiert aus – allerdings brauchte man schon beinahe ein Mikroskop. Food-Art hingegen: Stichwort Fontana di Trevi, Stichwort Mount Marshmallow. Und wenn Laila Gohar dann beispielsweise für die Vernissage einer New Yorker Galerie das Buffet anrichtet, hängen die herrlichsten Brotlaibe an Schnüren von der Decke gerade so weit herab in den Raum, dass die Gäste danach greifen können, um sich einen abzupflücken. Da werden Schlemmerträume wahr – nicht nur bei Deutschen, die dann freilich an Bechsteins Schlaraffenland denken, aber die Amerikaner haben dafür ihren Dr. Seuss, in dessen reizvoll psychedelischen Bilderbüchern sich Ähnliches abspielt – unter anderem auch in Sachen Marshmallows.

Foto: Pari Dukovic

Kindheitsfantasien – wer hat noch nie im Kartoffelbrei einen Tunnel gegraben, durch den die Sauce fließen soll – sind ein wesentliches Element der noch jungen Disziplin der Food-Art. Des Weiteren aber auch der Futurismus, der ja vor allem für seine Vergötterung der Sportwagen und Düsenjäger bekannt ist, aber der Oberfuturist Filippo Tommaso Marinetti veröffentlichte 1930 sein „Manifest der futuristischen Küche“, in dem er sich unter anderem für ein selbst erfundenes Geflügelgericht stark machte, das aus einer knusprigen Gans bestand, in deren Innenraum sich eine stählerne Bocciakugel entdecken ließ. Es sind solche teils obskuren Referenzen aus der Kunstgeschichte – auch die abstoßenden Gemüsegesichter des Renaissancemalers Giuseppe Arcimboldo zählen leider dazu –, die unter Fachleuten die Food-Art als abgeschmackt qualifizieren. Laila Gohar ficht das nicht an. Ihre Geschäfte laufen ausgezeichnet. Gerade ist sie aus Mexiko zurückgekehrt, wo auf den Märkten in Mexico City und Oaxaca sich in Mannigfaltigkeit Gemüsesorten und Fleischarten zu appetitlich bunten Gebirgen türmen wie kaum sonstwo auf der Welt.

Foto: Pari Dukovic

Frau Gohar fühlte sich dort vor allem an Ägypten erinnert, wo sie in Kairo geboren wurde. Der Vater war Kriegsfotograf und hat in Friedenszeiten als Reporter gearbeitet. Lailas Mutter ist in der Wellnessbranche aktiv. Sie kann sich, das ist erstaunlich, nicht an besondere Kochkünste ihrer Mutter erinnern. Vielmehr kam sie zur Food-Art, weil sie nicht unterscheiden wollte zwischen essbaren Materialien und traditionellen Werkstoffen für Kunst. So kam es, dass aus dem Arrangieren von Grundnahrungsmitteln, wie es jeder mit dem Obst in einer Schale auf dem Küchentisch tut, Bildhauerei wurde. Ein Berg aus 5.000 Marshmallows ist vom Konstruktionsprinzip her auch nichts anderes als ein Häufchen aus fünf, bloß halt größer. Beziehungsweise: viel mehr. Verändert das den Blick auf das Restaurantessen, wenn man Food- Künstler ist? Laila Gohar glaubt, nein. Sie isst einfach gern und dann geht es ihr um den Wohlgeschmack, wenngleich ihr ein Dessert im Berliner Pauly Saal im Gedächtnis geblieben ist, weil es derart hübsch auf dem Teller angerichtet war: „Wie lauter Kieselsteine.“

Laila Gohar träumt übrigens von einem Projekt, das mit Kunst weniger zu tun hat, dafür aber mit Essen: Sie will einen traditionellen syrischen Imbiss rekonstruieren, in dessen Küche sie syrische Flüchtlinge einladen kann, um dort zu kochen. So soll ein Treffpunkt entstehen, bei dem die fern der Heimat Lebenden sich an ihre Kultur erinnern können. Beim Essen soll natürlich viel geredet werden, Freundschaften würden entstehen. Was sie nachdenklich macht: In New York, wo Laila Gohar lebt, gibt es gar keine syrischen Flüchtlinge.

von Joachim Bessing

30.05.2017 | Kategorien Food, Hot, Stil | Tags , ,