RIO PHYSICS: Kunst und Leben zwischen Favela und Strand!
(Teil 1)

Foto: © Esther Harrison

Esther Harrison arbeitete jahrelang als Bookerin bei einer Konzertagentur, bis sie nach einem Sabbatjahr auf Marketingkommunikation umschult und sich selbständig macht. Seit ihrem ersten Besuch in Rio de Janeiro ist sie der Stadt und ihren Menschen verfallen. Jetzt ist sie zurück in der Stadt des Zuckerhutes. Und berichtet für uns über Kunst, Streetart und dem Leben in der Favela. Hier ist der erste Teil.

Als ich 2013 das erste Mal hoch in die Favela Pavão-Pavãozinho fuhr, die genau über der Copacabana liegt, war es Samstagnacht und wir waren gerade aus Berlin gelandet.

Unsere schottische Kusine hatte uns – mein Bruder und mich – mit einem wie sie es nannte „Gangster Driver“ aus der Favela vom Flughafen abgeholt. Er fuhr einen roten, getunten Wagen mit schwarz getönten Scheiben und der Bass dröhnte ohrenbetäubend während wir auf der Autobahn durch die Nacht in Richtung der hell erleuchteten „City of God“rasten.

Irgendwann nachdem wir einige Zeit durch normales und dann schickes Stadtbild gefahren waren, setzte das Auto an, einen schon fast lächerlich steilen Berg hochzufahren. Kann man so einen steilen Berg überhaupt hochfahren? Man kann.

Ein paar Minuten davor waren wir durch Ipanema gefahren, eine der teuersten Wohngegenden der südamerikanischen Hemisphäre.

Aber jetzt spürten wir sofort wie sich die Atmosphäre in Sekundenschnelle veränderte. Die Luft vibrierte, es war laut, es war dunkel, heiß, es lag eine greifbare Spannung in der Luft. In diesem Moment sahen meine Bruder und ich uns an und dachten beide das gleiche: „Shit, what have we done?“

Der Wagen schlängelte sich den Berg hoch, durch schreiende Menschenmassen, durch die Luft waberte der Bass des Baile Funks. Der Haken, man kann diesen Berg nur ein vergleichsweise kleines Stück mit dem Auto hochfahren.

Danach hieß es Treppensteigen. 400 Stück, und obwohl es Nacht war, war es 30 Grad heiß. Schwer beladen mit Koffern für einen einmonatigen Aufenthalt.

Manche Treppen waren so steil, dass man eher klettern musste. Nicht nach unten sehen!

Durch enge, dunkle und verwinkelte Gänge sahen wir überall Treppen, Abzweigungen, kleine Bars, Hunde, Kinder, hin und wieder Licht: das Labyrinth einer Favela. Als wir schließlich oben im Haus unserer Kusine landeten, waren wir klatschnass, erschöpft und standen unter einer Art Schock.

So begann meine Leidenschaft für Rio de Janeiro und insbesondere für das Leben in der Favela.

Drei Jahre später bin ich das dritte mal hier, dieses Mal für zwei Monate, um mehr Zeit zu haben, weiter über die Künstlerszene und Stadt zu recherchieren und schreiben.

Als ich am ersten Tag meines jetzigen Besuches durch die Favela laufe, habe ich das Gefühl, es fehle etwas.

Schließlich komme ich darauf. Die Unidade de Polícia Pacificadora (UPP) ist nicht zu sehen, nirgends. Die Favela Pavão-Pavãozinho ist „befriedet“, das heißt, die UPP hat diese gestürmt und Truppen dort fest stationiert. Die UPPs sind bis auf die Zähne bewaffnet und sollen sicherstellen, dass es keine Schießereien unter Gangmitgliedern und Drogenhandel gibt. Ein Versuch, nach all den Jahren, die Favelas zurückzuerobern. Der Grund hierfür ist natürlich einzig und allein die Fußballweltmeisterschaft und die kommenden Olympischen Spiele gewesen.

Bei unseren Besuchen in den letzten zwei Jahren haben wir uns schnell daran gewöhnt, gezogenen Maschinengewehrläufen und grimmigen Uniformierten zu sehen, wenn wir in der Favela unterwegs waren. Das hatte teilweise bizarre Züge. Man – kann es sich wie eine riesige verwinkelte Theaterbühne vorstellen. Die Gangster und Druglords waren nie weg, sie hielten sich nur versteckt oder waren teilweise auf andere Gebiete ausgewichen. Dann die UPP, die durchpatrouilliert und sich an strategisch wichtigen Stellen postiert, aber selbst auch zutiefst korrupt ist und sich oft bezahlen lässt von den Gangs.

Und jetzt, jetzt sieht man auf einmal gar keine UPP.

Meine Kusine die seit fünf Jahren in Pavao lebt und in der Gemeinschaft hier auf dem Berg bekannt und soweit respektiert ist, meint dazu lakonisch, dass es zurzeit ruhig sei.

Als wir dann am selben Abend bei unserem geliebten Beto´s sitzen, einem Restaurant mit den besten Fisch in Rio – ja, ein Restaurant in der Favela und ja, den besten Fisch in der Stadt – ziehen die Gangster an uns vorbei. Eine ganze Gruppe, alle mit Walkie-Talkies, Revolvern und AK 47s. Wir sehen nur auf unseren Tisch, als sich der letzte mit seiner hoch erhobenen AK47 in unsere Richtung umdreht, um den Abzug der Gruppe und die darüber liegenden Dächer abzusichern.

Erste Regel: Nichts sehen, nichts hören, nichts sagen.

In den nächsten Tagen gewöhne ich mich daran, nicht über die Policia oder Gangster zu sprechen, denn diese Wörter werden auch im portugiesischen verstanden und man weiß nie, wer zuhört. Unter uns nennen wir die UPP oder Policia „Frango“, was „Hühnchen“ bedeutet. Und die Gangster nennen wir „Beef“. Über Fleisch kann man hier immer reden!

Esther Harrison: “Erste Regel in den Favelas: Nichts sehen, nichts hören, nichts sagen.”
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Ich gewöhne mich daran, dass ich nun die Gangs passieren muss, die die Eingänge kontrollieren und dass ich gar keine UPP mehr sehe. Die Gangs sind back in charge. Ich lerne die wichtigsten Sätze auswendig, für nachts wenn ich allein unterwegs bin und falls ich von ihnen angehalten werde.

Eu sou Gringa; es sou moradora“. Ich bin eine Gringa. Ich wohne hier.

Denn als Gringa wirst du, wenn du dich an die Regeln hältst, normalerweise in Ruhe gelassen. Bei Männern ist es anderes; da kommt es ganz darauf an, wie man aussieht.

Nach drei Jahren Reisen nach Brasilien und in die Favela und vielen Gesprächen mit vielen verschiedenen Menschen, habe ich gelernt, dass die Gangster gar kein Interesse haben, dir irgendetwas anzutun. Denn das bedeutet für sie Stress. Die UPP, oder noch schlimmer, die BOPE (die Totenkopfemblem-tragende Spezialeinheit Rio de Janeiros) stürmen dann die Favela. Es gibt immer Tote, natürlich auch oft Unbeteiligte und das ist schlecht für das Geschäft.

Merkwürdigerweise hat mir die UPP immer mehr Angst eingeflößt als die Gangster, vielleicht weil ich mich mittlerweile damit abgefunden und daran gewöhnt habe, dass sie Teil des Lebens in der Favela sind. Man akzeptiert es und passt sich an.

Neunzig Prozent aller Menschen, die hier leben sind ganz normale Leute, die aus dem armen Norden Brasiliens auf der Suche nach einem besseren Leben hierhergekommen sind. Sie wollen dieselben Dinge wie alle anderen Brasilianer auch. Eine bessere Ausbildung für Ihre Kinder, einen großen Flat Screen, vielleicht sogar ein Auto, eine Arbeit unten in der Stadt.

Das Leben auf dem Morro (Morro bedeutet Berg, in Rio sind alle fast alle Berge Favelas) ist hart. Alles ist anstrengend. Es ist, als würde man konstant Workout machen in einer Sauna. Wenn du heimkommst, reißt du dir das bisschen, was du anhast vom Leib, duscht schnell und sitzt dann schwitzend in Unterwäsche erstmal 20 Minuten vor dem Ventilator.

Aber genau dieses konstante schwitzen, das auf den Körper reduziert sein gefällt mir. Das Schwitzen und die körperliche Anstrengung hat eine schon fast therapeutische Wirkung. Der begrenzte Raum und die erschwerten Bedingungen machen erfinderisch. Strom fällt aus, Wasser ist off? Deal with it.

Entweder du verzweifelst oder du wirst täglich mehr etwas gelassener, geduldiger und genügsamer. Aber auch heiterer und weiser. Hier lernst du wirklich mit dem flow zu gehen, denn alles andere ist einfach sinnlos.

Gleichzeitig bist du Teil eines komplexen, geschlossenen Systems. Eine Favela ist wie ein Bienenstock. Ich habe mich in der Favela immer sicherer gefühlt als unten in der Stadt.

Und nichts ist wirklich voneinander getrennt. Du hörst die Musik, die der Nachbar oder in unserem Fall der Vermieter hört. Jeden Freitag, pünktlich ab 16 Uhr, geht es los; die Musik ist so laut, dass die Wände vibrieren. Alles vibriert. Ein Repertoire aus Baile, altem Funk, HipHop und später, wenn er dann richtig betrunken ist, Mariah Carey und John Lennons „Imagine“ das über den Berg hallt. That´s Favela Romantik!

TEIL ZWEI FOLGT MORGEN…


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Über Esther Harrison:

Die gebürtige Engländerin lebt mit Unterbrechungen seit 1992 in Berlin. Hausbesetzerszene und early Technoexperiences prägen die ersten Jahre in Berlin, danach geht sie für fünf Jahre ins Livebooking für eine große Konzertagentur. Nach einem Sabbatjahr, schult sie um auf Marketingkommunikation, macht sich selbstständig und spezialisiert sich auf Social Media, fängt an zu schreiben. Als absolute Autodidaktin, schreibt sie frei, offen, emotional und direkt und ist vor allem der zeitgenössischen Kunst und seit 2013 Rio de Janeiro und dem dortigen Leben in der Favela verfallen. Als Person schwankt sie ständig zwischen Jane Austen und Punk.